Platzmangel in der Innenstadt:München tut sich schwer mit seiner Subkultur

Zehra Spindler, 2010

Rückblick ins Jahr 2010: Veranstalterin Zehra Spindler im "Puerto Giesing" an der Tegernseer Landstraße.

(Foto: Robert Haas)

Zwischennutzungen für Kreative sind in der Stadt so rar wie bezahlbare Altbauwohnungen am Isarufer. Und auch die Toleranz der Anwohner nehme immer mehr ab, sagt Veranstalterin Zehra Spindler.

Von Laura Kaufmann

Eigentlich hatte Zehra Spindler das leer stehende Kaufhaus in der Tegernseer Landstraße gar nicht anschauen wollen. Aber es war ihr nachdrücklich empfohlen worden vom Kulturreferat, und so ging sie, wie sie erzählt, mehr aus Höflichkeit doch hinein - und mit dem Schlüssel in der Hand wieder hinaus. "Ich dachte dann naiv, das läuft immer so", sagt die Münchnerin mit den vielfältigen Berufsbezeichnungen, Kulturmanagerin etwa, Kreativwirtschaftsberaterin seit neuestem.

Aus dem Hertie machte sie das "Puerto Giesing", ein Zuhause für die Subkulturschaffenden der Stadt, in dem immer etwas los war. Konzerte, Diskussionen, Lesungen, wilde Feste. Bis das Kaufhaus abgerissen wurde. Sieben Jahre ist das her, und wenn heute vom "Puerto" gesprochen wird, schwingt meistens ein Hauch Wehmut mit. Denn Zwischennutzungen wie diese sind in München rar wie bezahlbare Altbauwohnungen am Isarufer.

Die Idee ist so schön in ihrer Einfachheit und in einer Stadt wie München selten umsetzbar. Ein Eigentümer stellt seinen Raum zur Verfügung, bis dieser abgerissen oder anderweitig genutzt wird. Beide profitieren: Der Nutzer darf dort seine Ideen umsetzen, der Eigentümer hat ein beaufsichtigtes Objekt. Ihren Hertie-Vermieter habe sie zum Abschied umarmt, als sie das Puerto besenrein übergeben habe, sagt Spindler. Man habe sich gegenseitig geschätzt. Aber es ist ihr auch anders ergangen. Sie ist eine Kreative, die Leute zusammenbringt und Dinge auf die Beine stellt; aber keine, die sich groß mit Verträgen und Verhandlungen auskannte. Das ist ihr schon zum Verhängnis geworden, daraus hat sie gelernt.

Es ist nicht leichter geworden mit den Zwischennutzungen. Die Zahl an leer stehenden Kaufhäusern ist überschaubar. Und es kommt sehr auf die Experimentier- und Genehmigungsfreude des jeweiligen Bezirksausschusses an. Überraschend schnell hatte zum Beispiel das Watzart in einem Giesinger Werkstatthinterhof vergangenes Jahr eine Bewilligung bekommen, und dass ein Schiff auf einer Brücke in München überhaupt genehmigt wurde, können manche bis heute noch nicht glauben. Giesing und Sendling, das sind gute Viertel für Leute, die etwas bewegen wollen. Mittlerweile hat die Stadt sogar ein Kultur- und Kreativzentrum, das sich nicht nur bemüht, Künstler zu fördern, sondern auch, der Subkultur Raum zu verschaffen. Interessante, zentrale Gebäude kann die Stadt aber auch nicht leer zaubern.

Zehra Spindler sieht noch ein weiteres Problem - das "nicht vor meiner Tür"-Phänomen, das sich nach ihrer Wahrnehmung verschärft. Die Stadt soll bitte möglichst aufregend sein, aber nicht in meiner Nachbarschaft. "Im Puerto Giesing haben wir uns mit den Nachbarn zusammengesetzt, sie mitgestalten lassen." Oft seien Anwohner für so etwas heute gar nicht mehr empfänglich. Und überzogen mit Beschwerden einer vergleichsweise kleinen Gruppe Leute würden Behörden leichter einknicken. "Aber sie braucht es, damit etwas entstehen kann." Es fehle an Toleranz und gegenseitigem Respekt. Bevor etwa die MS Utting auf ihrer Brücke überhaupt Fahrt aufgenommen hat, macht schon eine Anwohnerin und Stadtteilpolitikerin Wind dagegen: Die Anwohner seien von Lärm von Vieh- und Schlachthof und der Gruam schon gebeutelt genug, sagte Silvia Haas (Grüne), jetzt hatte sie auf dem Schiff noch einen verdächtigen DJ-Aufkleber entdeckt und vorsorglich Alarm geschlagen.

Manche bleiben nur Wochen, andere halten länger durch

Für die, die eine Zwischennutzung geliebt haben, markieren die flüchtigen Begegnungsorte eine Ära. Damals, vor beinahe zehn Jahren, als man direkt neben dem Café King wohnte und dort jedes Wochenende verbrachte. Diese ehemalige Tankstelle, die so aussah wie alle hippen Szenecafés heute, mit nackten Böden und Glühbirnen und bunten Stühlen, wo es tagsüber vegane Gemüsebratlinge gab und abends Elektro und Gin Tonic. Jeder Blick auf die gesichtslosen Glockenbachsuiten erinnert Eingeweihte an den Tanz ums Pferd in der Ruby Bar, die den aparten Flachbau bis zu seinem Abriss okkupierte. Die alte Registratur, ach, die Registratur. Eine Club-Zwischennutzung in einem Gebäude der Stadtwerke, wie heute auch das MMA, posthum zur Nachtlebenlegende erhoben, weil nie etwas Vergleichbares nachwuchs.

Manche bleiben nur Wochen, andere halten länger durch als manche auf Dauer angelegte Begegnungsstätte. Das Provisorium etwa, das im Frühjahr nach sechs Jahren weichen musste. Viele wurden mit wenig Geld auf die Beine gestellt, andere Veranstalter stapeln höher. Das Lovelace in der Kardinal-Faulhaber-Straße etwa, Münchens vornehmste Zwischennutzung mit Gastronomie, Shops und Hotelzimmern, für zwei Jahre. Gut eine Million Euro haben die Betreiber investiert. Auch Club und Restaurant Blitz sind befristet eingezogen, bis das Deutsche Museum selbst ein Konzept für das Forum der Technik entwickelt hat.

Zwischennutzung ist eben nicht gleich Zwischennutzung. Die Grenzen sind fließend, und was einst als Zwischennutzung gedacht war, findet manchmal sogar einen dauerhaften Hafen, wie das Import Export im Kreativquartier. Bei allem, was die Stadt derzeit zu bieten hat, fehlt Zehra Spindler vor allem das, was sie "das Trashige" nennt: "Zur gelebten Vielfalt in einer Stadt gehört eben auch dieser Kontrast. Und der fehlt."

Daniel Hahn: Aus Platznot eine Tugend gemacht

Einer, der erfolgreich die derzeit vielleicht spannendsten Subkulturprojekte verantwortet, ist Daniel Hahn. Mit dem Wannda-Zirkuszelt, dem ausrangierten Zug "Bahnwärter Thiel" und eben der MS Utting haben er und sein Team sich eigene Räume geschaffen, mit denen sie Freiflächen nutzen. Aus der Platznot hat er eine Tugend gemacht. "Aber wir würden auch viel lieber Zwischennutzungen bespielen, wenn es welche gäbe." Züge und Schiffe mit Lastkränen durch die Stadt zu transportieren sieht zwar beeindruckend aus, kostet aber eine Menge Geld.

Kanäle graben bei Frost, platzende Leitungen, und irgendwo regnet es wieder rein; auf solche Herausforderungen würden er und sein Team gern verzichten. Mit der Architektur und der Geschichte eines bestehenden Gebäudes zu spielen, das würde Hahn reizen. Auch Zehra Spindler würde nicht nein sagen, wenn ihr morgen ein leer stehendes Kaufhaus angeboten würde. Aber solche Leerstände sind eben rar wie Altbauwohnungen an der Isar.

© SZ vom 12.07.2017/eca
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