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Pferderennen:Atemberaubend

Wenn die Vollblüter auf der Galopprennbahn in Riem dem Ziel entgegen jagen, ist ihr Schnauben so laut, dass man das Schlagen der Hufe kaum noch hört. Und die Wettbegeisterten halten die Luft an

Von Berthold Neff

Der Himmel ist blau, aber das Donnern kommt näher. Das dumpfe Dröhnen lässt die Erde vibrieren und die Luft erzittern. 48 Hufe fegen vorüber wie ein Wirbelwind, die Zuschauer am Geläuf drehen ihre Köpfe einmal von links nach rechts. Das Stakkato der Hufe wandert vom linken ins rechte Ohr, und schon sind die zwölf Vollblüter vorbeigerauscht, die an diesem Juli-Sonntag auf der Galopprennbahn Riem ihre Kräfte messen. Es geht um den Sieg im Großen Dallmayr-Preis, ein Rennen der Gruppe I, dem Besitzer des Siegers winken nach 2000 Metern 100 000 Euro, der Jockey darf auf ein paar Tausender hoffen, das Pferd auf eine Dusche und einen Eimer Hafer.

Aber noch läuft das Rennen. Der Pulk aus sechs Tonnen Muskeln, Sehnen und Knochen und zwölf dünnen Männern im bunten Dress galoppiert, von den Zuschauern am Geläuf und auf den Tribünen kaum zu sehen und nicht zu hören, auf der Gegengeraden. Nach dem Schlussbogen biegen die Rennpferde auf die Zielgerade ein. Man sieht sie, hört sie aber nicht.

Nur ein Mensch erfüllt die Luft. Vier große Bose-Boxen auf dem Dach der Tribüne tragen die Stimme von Rennbahnkommentator Nicolaus von Miltitz bis in den hintersten Winkel. Er sagt, was abgeht, seine Stimmlage verrät, dass er innerlich mitgeht. Als ihn die Dramatik des Endspurts überwältigt, steigt die Stimme in die Höhe. Anfangs sieht er noch den Hengst Ito aus dem Gestüt Schlenderhan vorn: "Ito mit dem Kommando", meldet dann aber, dass der Galopper des Fußball-Managers Klaus Allofs nach vorne drängt: "Von hinten wird Potemkin flott gemacht." Aber auch die anderen sind da: "Articus ist vorne." Aber er wird nicht gewinnen. Der Kommentator versucht, mit den Pferden mitzuhalten, spricht noch schneller, denn "Elliptique kommt angeflogen, Elliptique gewinnt!". Jetzt erst kann Nicolaus von Miltitz Luft holen: "Mein Gott, war das eng."

Beim Zieleinlauf erreichen die Pferde das höchste Tempo.

(Foto: Claus Schunk)

Aufatmen können jene Wetter, die ihr Geld am Totalisator auf den fünfjährigen Hengst gesetzt haben, den André Fabre für die Bankiersfamilie Rothschild in Chantilly trainiert und der heute den Spitzenjockey Frankie Dettori im Sattel hatte. "Bringt 37 für 10", sagt ein Wetter, und fügt hinzu: "Zum Glück hab ich 50 auf den Dettori riskiert."

Aber plötzlich zerschneidet ein schriller Sirenenton die Luft. "Und jetzt das auch noch", sagt der Kommentator. Die Rennleitung wacht darüber, dass es fair zugeht, und überprüft den Rennverlauf. Diejenigen, die auf andere Pferde gewettet haben, dürfen noch hoffen. Der eine oder andere bückt sich schnell nach dem vermeintlich wertlos gewordenen Wettschein. Vielleicht ordnen die Richter einen anderen Einlauf an? Tun sie nicht, es bleibt dabei.

Elliptique tänzelt vom Geläuf, durch das Spalier der Zuschauer hindurch, zur Siegerehrung. Die Hufeisen klackern metallisch hart auf den Asphalt, jeder Tritt ist gut zu hören. Und als der Jockey seinen berühmten Dettori-Jump zeigt, wie ein Kunstturner vom Sattel hoch in die Luft springt und mit beiden Beinen gleichzeitig im Kies landet, knirscht es unter seinen Stiefeln. Das Publikum klatscht und jubelt, danach mogelt sich durch einen einzelnen Lautsprecher knarzend die Hymne, God Save the Queen. Die Kameras klicken, das Pferd schlabbert einen Eimer Wasser - und schon steht das nächste Rennen an.

Die Erfrischung danach kommt aus dem Schlauch.

(Foto: Claus Schunk)

Thorsten Castle ist der Mann, der all das moderiert, was sich außerhalb des Geläufs abspielt. Die Stimme des Moderators ist reiner Samt, er hat nichts Marktschreierisches an sich, und er versteht etwas von Pferden. Seine Mutter, Ulrike Castle, hat lange Jahre das Gestüt Isarland am Starnberger See geleitet. 1990, Thorsten Castle war da elf Jahre alt, kam dort Monsun zur Welt, ein hartes Rennpferd und der erfolgreichste deutsche Deckhengst aller Zeiten. Auch Monsuns Hufe sind über diese Riemer Wege geklappert, aus dem Stall zum Sattelplatz und zum Führring, stets die Blicke der Zuschauer auf sich. Lohnt es sich, Geld auf ihn zu setzen? Schwitzt er und verausgabt sich schon vor dem Rennen so, dass er keine Kraft mehr hat für den Sieg?

Ein Mann wie Erich Pils könnte diese Wege auch mit geschlossenen Augen gehen. Zum Beispiel aus der Box im Rennstall Nummer 11, wo er einst bis zu 100 Rennpferde trainierte, zuerst zum Sattelplatz. Der Stalljunge führt, der Galopper gibt den Takt vor. Klack, klack, ganz ruhig. Die Hufeisen klingen gedämpft auf Gras, sie knirschen im Kies und wären nur auf Sand kaum zu hören. Jetzt werden die Hufschläge lauter, die Frequenz der Tritte erhöht sich. Das Pferd ist nervös, es tänzelt, bäumt sich auf. Von hinten aus den Ställen tönt Gewieher herüber, der Galopper spitzt die Ohren. Dann schnaubt er, dreht den Kopf zum Pfleger, der ihm den Überwurf von Rücken zieht und den Sattel überwirft. Ein Ruck, der Gurt ist festgezurrt, und dann wieder: Klack, klack, der Weg zum Führring.

Im Zuschauerraum der Galopprennbahn Riem geht es neben dem Wettkampf auch ums sehen und gesehen werden

(Foto: imago)

Hier werden die Pferde beim gemächlichen Schritt im Oval den Zuschauern präsentiert. Auf welches Pferd soll man wetten? Auf Limbo Dancer eher nicht, das Pferd mit den Scheuklappen und der Nummer 1 im vierten Rennen. Beim Satteln hat er beinahe die Sattelbox zertrümmert, die Hufe der Hinterhand donnern gegen die Bretter, Holz splittert. Dann fegt er mit den Hinterbeinen über die begrenzende Hecke, demoliert im Führring krachend ein Pflanzgefäß und steigt, noch ohne Jockey, so hoch, dass er sich überschlägt. Ein dumpfer Aufprall, der Wallach rappelt sich auf, wird aber aus dem Rennen genommen. Am Totalisator verschwindet sein Name, die Wetter an den elektronischen, geräuschlosen Kassen konzentrieren sich auf die anderen. Wer wird gewinnen?

Diese Frage hat sich Erich Pils, heute 64 Jahre alt, oft gestellt. Bis 1977 hat der gebürtige Daglfinger viele Rennen bestritten, etwa 50 Siege hat er als Amateur errungen, später etwa 900 Siege als Trainer. Heute betreibt er in der Kunihohstraße die "Gaststätte zur Post" und trainiert noch ein paar eigene Pferde. Er weiß, wie man ihre Körpersprache deutet. Er weiß, wie es sich anfühlt, mit 60 Kilometern pro Stunde im Sattel Richtung Ziel zu fliegen. Und er weiß, was man dabei hört: "Es ist das Schnauben, es ist so laut, dass man die Hufe gar nicht mehr hört." Bis zu 2000 Liter Luft strömen beim vollen Galopp durch die engen Nüstern in die Lunge, 20 Mal mehr als sonst. Das pumpt, das rauscht, das hört sich manchmal wie ein tiefes Brummen an. Und der Schweiß tropft dem Pferd literweise vom Leib. Als Amateur hat Erich Pils vor allem Hürden- und Jagdrennen bestritten. Er weiß, wie man hochsteigt mit dem Pferd und hofft, dass es den Sprung schafft.

Erich Pils trainiert heute nur noch seine Pferde.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Ein paar Mal haben seine Pferde es nicht geschafft und ihn beim Sturz aus dem Sattel katapultiert. Ein dumpfer Aufprall, so hörten es die Zuschauer, aber Erich Pils kriegte nichts mit. Als er nach der Ohnmacht aufwachte, spürte er seine Beine nicht. Ein Wirbel war gebrochen. Zwei Wochen lang fürchtete er, gelähmt zu bleiben. Aber das Rückenmark war intakt geblieben, die Beine gehorchten ihm wieder. Was das für ein Geräusch ist, wenn Knochen splittern, kann Pils nicht sagen, obwohl ihm ein Pferdehuf nach einem Sturz mit insgesamt zwölf Brüchen auch noch die rechte Hand zertrümmerte: "Da hörst du gar nichts mehr." Aber er hat auch diesen Sturz überlebt.

Gelitten hat er auch, wenn es eines seiner Pferde nicht geschafft hat. Vor Jahren startete einer seiner Lieblinge bei den Rennen in Baden-Baden. Titelhalter, so der Name des Schimmels, "war eine Erscheinung, eine Persönlichkeit, wie der seinen Kopf bewegt hat", schwärmt der Trainer noch heute. Aber dann, als das Pferd sich im Rennen ein Bein brach, war es das Ende.

Man hat schon Menschen weinen gesehen, wenn der Tierarzt zur Waffe griff und das Pferd durch einen Schuss erlöste. Davor und danach war alles ganz still. Als Titelhalter mit seinem komplizierten Bruch nicht mehr gerettet werden konnte, war selbst das Töten lautlos, der Tierarzt griff zur Giftspritze. Der Tod ist auch auf der lauten Rennbahn ein ganz Stiller.

Am Freitag lesen Sie: Der Sound der Stadt im Restaurant Tantris

© SZ vom 25.08.2016

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