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Pam Pam Ida:Mundart-Pop vom anderen Stern

Pam Pam Ida

Abenteurer aus dem Altmühltal: Mit Andreas Eckert (Dritter von rechts) als Kapitän erforscht das Sextett Pam Pam Ida auf dem neuen Album "Frei" wieder ferne Klangwelten.

(Foto: Maria Bayer)

Das Himmelsstürmer-Sextett "Pam Pam Ida" schwingt sich mit dem dritten Album "Frei" zu neuen Höhen auf.

Von Oliver Hochkeppel

Am Anfang kann man unmöglich erraten, welche Band man da hört: Eine halbe Minute lang erklingt nur ein flirrender Syntheziser-Akkord, der aus der New-Wave-Ära oder auch aus der retroverliebten Elektro-Szene stammen könnte. Dann aber setzt mit einem lautmalerischen "zdiooh" die Stimme ein, die das Rätsel löst. So ein Organ, das mit roher Soul-Gewalt den Körper des Hörers erbeben lässt, das aber auch ganz leise und filigran Poesie in Klang verwandelt, das einen halben Song im Falsett bewältigt, und das, ja das vor allem, das Bairische so dehnen, kauen, betonen und verwandeln kann, als wären Blues, Soul und Rock aus ihm entstanden, kurz, so eine Wunderstimme besitzt im Moment nur einer: Andreas Eckert, Mastermind und Frontmann von Pam Pam Ida.

Sie ist also wieder da, "die gwohnte Gäng". Vor wenigen Tagen ist "Frei" erschienen, das dritte Album der Himmelsstürmer aus dem Altmühltal, genauer: aus dem 700-Seelen-Ort Sandersdorf. Es ist die konsequente Fortsetzung der Entwicklung dieser Band. Als sie 2015 mit dem "Gockl" die Szene betraten, dem fröhlich-lustigen Song vom Notgeilen, der sich wie ein räudiger Hund fühlt, als Bayern-3-Moderator Matthias Matuschik sie entdeckte und zu seinem "Liebling des Jahres" machte, als dann Songs wie das böse-ironische "Vaterland", der Sommerhit "Schultertanz" oder das melancholische "Bleib bei mir" 2017 endlich gebündelt auf dem Debütalbum "Optimist" folgten, da klang das noch wie ein origineller Beitrag zur Heimatsound-Welle. Einer, der mehr als eine Million Aufrufe auf Youtube einsammelte und für soviel Aufsehen sorgte, dass Pam Pam Ida schon auf Tour gebucht wurden, noch bevor die Band das erste Mal live gespielt hatte.

Doch dass Eckert, dessen zusammen mit Schlagzeuger Julian Menz am Computer zurechtgebastelte Kopfgeburt das Ganze zunächst war, bevor man die dazu passenden Musiker um sich scharte, mehr im Sinn hatte als den üblichen bayerischen Spaß-Pop, das konnte man da schon hören. An der orchestralen Fülle mit Sounds aller Art, von den typischen Flöten bis zum Silberfisch-Orchester, einer vier- bis sechsköpfigen Streicherbegleitung. Am breiten Stilmix und der rhythmischen Variabilität, die man im Indie-Pop oder der Neuen Volksmusik selten findet.

Das Anfang 2019 erschienene zweite Album "Sauber" betonte diese eklektizistische Ader mit noch Club-tauglicheren, poppigeren Stücken und Arrangements. Mit "Frei" befinden sich Pam Pam Ida jetzt endgültig auf ihrem eigenen Stern, einem "andren Stern", wie die erste Single des Albums heißt. Ob Eckert da erst lyrisch, dann rockig-funkig vom "Frei sein" singt, oder hymnisch vom "Hoaßan Droht", ob er schwer groovend befindet "No ned soweit" zu sein oder sich herzzerreichend mit der Ballade "I muaß geh" verabschiedet; ob Syntheziser, Gitarre, Streicher, Flöten, Bläser oder gleich alle zusammen die Basis für den Gesang bilden; ob die Texte poetisch frei interpretierbar sind oder wie im Auf- und Weckruf "Mensch, Mensch" auf den Punkt kommen, nunmehr ganz frei von jedem aufgesetztem bayerischen "Lustigsein": das ist wunderbarer Welt-Pop, der nie im Mainstream versandet und eben nur deshalb auf Bairisch erklingt, weil Eckert sich darin am besten ausdrücken kann.

Ist schon das Album ein Kracher, darf man sich nun umso mehr auf die ersten Live-Präsentationen im Schlachthof und im Innenhof des Deutschen Museums freuen. Denn erstens gibt es kaum eine Band, die härter daran arbeitet, dem Studio-Konzept einen adäquaten Bühnenauftritt folgen zu lassen, der die Stücke gleichsam neu erfindet. Und zweitens ist Eckert eine Rampensau, die seine mal an Lou Reed, dann an Falco, mal an Freddie Mercury, dann an Price erinnernden Stimm-Eskapaden mit der entsprechenden Präsenz auf die Bühne bringt. Von so einem lässt man sich gerne auf einen andern Stern beamen und zum Freisein auffordern.

Pam Pam Ida, Di., 29. Sep., Schlachthof, Zenettistr. 9, Mi., 30. Sep., Deutsches Museum, Museumsinsel 1, jeweils 20 Uhr, t 21 83 73 00

© SZ vom 28.09.2020

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