Oktoberfest München brummt bis hin zum Tinnitus

Billigtrachten für Pseudo-Trachtler - auch das gibt's in München. Schichtl sagt: Die Mischung macht's.

(Foto: Sonja Marzoner)

Unser Kolumnist Manfred Schauer betreibt seit 1985 das Varieté-Theater Schichtl auf der Wiesn und fragt sich: Tschüssler, Pseudo-Trachtler und kellnernde Pfarrer - wie passt das zusammen?

Kolumne von Manfred Schauer

Dass München brummt, ist eine nicht zu diskutierende, aber wohltuende Tatsache. Ein so besonderes Brummen ist es, dass es im Rest der Republik gerne als Hoch- bis Übermut oder auch als regionale Form von Tinnitus wahrgenommen wird. Hier brummt es derart, dass auch das Umland was davon hat, wenn's denn weiter draußen auch nur noch scheppert.

Einen Exodus von Mietern, einen Flughafen, der näher bei 21 anderen Ortschaften als bei München liegt, Bade- und Wohlfühltempel, extra für und wegen der Münchner gebaut. Und dann die Seen und Berge, alles für die Münchner hingestellt. Unseren südlichsten See haben wir sogar an Italien verliehen. Ist es denn da ein Wunder, dass fast alle Erdbewohner zu den privilegierten, vom Schicksal verwöhnten, den Göttern auserkorenen Münchnern gehören möchten?

Oktoberfest "Unterm Strich bin ich Menschenfreund"
Schichtl auf dem Oktoberfest

"Unterm Strich bin ich Menschenfreund"

Köpfen, frotzeln, Sprüche klopfen: Manfred Schauer betreibt seit 30 Jahren die älteste Attraktion des Oktoberfests: den Schichtl. Von seinem Humor lebt er inzwischen auch außerhalb der Wiesn.   Von Andreas Schubert

Nein, es ist kein Wunder, es ist manchmal einfach zu viel. Nicht die Vorzüge sind zu viel, die Anderen sind's, die Mietpreistreiber, die Tschüssler und Pseudo-Trachtler. Die letzte Spezies hat ihr Refugium dankenswerterweise mehr am Tegernsee als in der Stadt gefunden, sie bricht bevorzugt im Spätsommer Richtung München "zu den Wiesen" auf.

Überhaupt, die Wiesn! Das kann und darf es ja wohl nur in München geben. Da kellnert in einem der Bierzelte ein leibhaftiger Pfarrer. Ein Diener Gottes auf der Intersuff! Dort heißt doch die Glaubensfrage: Vertragst no a Mass? Und dort fragt man nicht, dort wird geliefert! Lieber Pfarrer Schießler: "Bier ist der Beweis, dass Gott uns liebt und will, dass wir glücklich sind" (Abraham Lincoln). Stimmt komplett (Der Schichtl).

Die Dackel sterben aus, jetzt gibt der Szene-Münchner den Windhund

Und weil wir gerade bei den Extras dieser Stadt sind: Sogar ein eigenes Wappentier hat es mal gegeben, aber wie es ausschaut, sterben die Dackel gerade aus. Der vakante Posten wurde von windigen Möchtegern-Szene-Münchnern bezogen, die als Pendant zum Dackel den Windhund geben. Die würden auch ganz gern mitbrummen. Manch einer hat auch schon gebrummt, für was auch immer, dabei sein ist eben alles - im Knast wie draußen.

Und dann gibt's natürlich auch die Hipster, Szene-Nomaden der Neuzeit. Leicht kann man die nicht beschreiben. Denn das sind ja nicht nur uniformierte Individualisten mit ihren Fünf-Tage-Bärten. Die Hipster sind nicht schlecht oder böse, ein bisserl überflüssig eventuell. Man muss aber zugeben, dass da, wo der Hipster hin zieht, die Abrissbirne weg bleibt (Und etliche Alteingesessene auch).

Alles Schöne hat, wie doch auch die liebe Wiesn, seinen Preis, und jede Stadt die Einwohner, die sie verdient. Es wissen längst schon alle: Wer in München nicht a bisserl spinnt, der ist nicht ganz normal. Die Mischung macht's halt aus.

"Schichtl" Manfred Schauer auf dem Oktoberfest in München, 2014

Der Autor: Seit 1985, also seit mehr als 30 Jahren, betreibt Manfred Schauer, auf der Wiesn das Varieté-Theater Schichtl. Münchens Ex-OB Christian Ude soll einmal gesagt haben: "Eine Wiesn ohne Schichtl ist nicht denkbar. Der Schichtl ist so unerlässlich wie das Bier, der Radi und die Hendl." Der Schichtl sagt: Der Ude hat recht.

Die Serie: An dieser Stelle schreibt Manfred Schauer bis zum Oktoberfest immer freitags über seine Sicht auf München.