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Obersendling:Die Züge sollen weiter rollen

Ratzingerplatz

Einer von 17 Stopps: Die Züge sollen auch am Ratzingerplatz halten - und, nach bisheriger Planung, an der Aidenbachstraße enden.

(Foto: Florian Peljak)

Mehr als ein Jahr nach dem Stadtratsbeschluss zur Tram-Westtangente dringen Bürger und Lokalpolitiker auf eine Ausweitung der Trasse bis zum Harras, um neue Siedlungen und Einrichtungen anzubinden

Neue Wohn- und Gewerbegebiete lassen den Stadtteil Obersendling in seinen Ausmaßen und einem Tempo wachsen, die bei vielen Bewohnern Schwindel erregen. Viele von ihnen befürchten, vor ihrer Haustür könnte wegen der rasanten Entwicklung bald der Verkehr kollabieren. Diese Sorge teilen sie mit Lokalpolitikern. Ein Ausweg aus der sich abzeichnenden Misere, da sind sich alle Seiten einig, biete allein ein zügiger Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs. In diesem Sinne hat der Bezirksausschuss (BA) Thalkirchen-Obersendling-Forstenried-Fürstenried-Solln jetzt mehrheitlich einen Bürgerantrag unterstützt, die geplante Tram-Westtangente über die Aidenbachstraße hinaus via Hofmannstraße, S-Bahnhof Siemenswerke und Tölzer Straße bis zum Harras zu verlängern.

Die Argumente liegen nach Ansicht der Befürworter der Trassenausdehnung auf der Hand. Geplante und bereits errichtete Neubaugebiete, wie die Hofmann-Höfe, die Südseite, die künftige Siedlung an der Gmunder Straße, oder auch das kürzlich eröffnete Chinesische Generalkonsulat, zusätzliche Schulen, das Verdichtungsviertel um das ehemalige Deckel-Gelände - all das rechtfertige allemal entsprechende Überlegungen.

Michael Kollatz (SPD) erinnerte an frühere BA-Beschlüsse, die ebenfalls darauf abzielten, zumindest die Option für eine Trambahntrasse über die Aidenbachstraße hinaus offen zu halten. Diese Überlegungen endeten seinerzeit jedoch am S-Bahnhof Siemenswerke. Einem weiterführenden Ast bis zum Harras stünden erhebliche Probleme entgegen, gab Kollatz zu bedenken. Zum einen dulde die Deutsche Bahn keinen öffentlichen Verkehr parallel zu ihren S-Bahn-Strecken, in diesem Fall der S7. Zum anderen sprächen die Fahrgastprognosen nach Ansicht der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) gegen die Tramstrecken-Verlängerung.

Eine Aktualisierung dieser Vorhersagen ergäbe jedoch schon in naher Zukunft ein ganz anderes Bild, zeigen sich Bürger und BA-Vertreter gleichermaßen überzeugt. "Wir werden deshalb nachhaken und den Vorschlag der Streckenverlängerung aufgreifen", sagte Kollatz. Solche Vorschläge aus der Bevölkerung weiterzureichen, bezeichneten Dorle Baumann (SPD) und Inga Meincke (Grüne) als "wichtig" in Zeiten forcierter Nachverdichtung. Der BA-Unterausschuss Verkehr indes hatte dagegen zuvor Bedenken angemeldet, weil er die Planung der Tram-Westtangente für zu weit fortgeschritten hält, als dass man jetzt noch Ergänzungsvorschläge einbringen könnte.

Die Trasse auf knapp neun Kilometern Länge, zwischen Aidenbachstraße und Romanplatz, hat der Stadtrat im März 2018 beschlossen. Allein im Stadtbezirk Thalkirchen-Obersendling-Forstenried-Fürstenried-Solln sind vier der insgesamt 17 Haltestellen (Drygalski-Allee, Machtlfinger Straße, Ratzingerplatz, Aidenbachstraße) vorgesehen; an der Aidenbachstraße soll die Tram eine Wendeschleife erhalten. Seit dem Trassierungsbeschluss haben die Stadtwerke den Auftrag, das Projekt voranzutreiben. Das Planfeststellungsverfahren wird voraussichtlich 2024 abgeschlossen; von 2027 an soll die Tram rollen. Die Fertigstellung hängt aber nicht zuletzt vom Baufortschritt an der Laimer Unterführung ab, wo ein neuer Tunnel unter den Bahngleisen entsteht.

Der große Vorteil der Tram-Westtangente: An mehreren Stellen kann man in U- und S-Bahn umsteigen, zudem berührt die neue Trasse andere Tramlinien und Busstopps. Der Stadtrat ist bei seinem Beschluss von Kosten in Höhe von 170 Millionen Euro ausgegangen. Was an Zusatzaufwand fällig wäre, dehnte man die Trasse bis zum S-Bahn-Halt Siemenswerke oder bis zum Harras aus, ist noch nicht ermittelt worden.

Die Tram-Westtangente war seit den Neunzigerjahren in der Diskussion. 2013 fasste die damalige rot-grüne Rathauskoalition einen Grundsatzbeschluss zu ihrer Realisierung. Danach waren wegen der Auswirkungen auf den Autoverkehr in den betroffenen Stadtbezirken noch viele Zweifel aus dem Weg zu räumen, ehe sich die jetzige Mehrheit aus CSU und SPD mühsam auf eine Lösung verständigte. Den Ausschlag gaben nicht zuletzt Prognosen der MVG, wonach täglich 26 000 Fahrgäste die Tram-West nutzen könnten. Eine stolze Zahl, die schon jetzt für eine Verlängerung spräche, wie viele Obersendlinger meinen.