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Obdachlosigkeit:Für die Ärmsten der Armen

Bettler in München, 2016

Obdachlos in München – es trifft immer mehr Menschen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Menschen, die ihre Wohnung verlieren, finden oft kein Zurück in ein geregeltes Leben. München kämpft dagegen an

Von Thomas Anlauf

Neuntausend Menschen haben in München keine Wohnung, das sind so viele Einwohner wie in Pullach. Zudem gibt es Hunderte, wenn nicht inzwischen sogar weit über eintausend Obdachlose, die auf der Straße schlafen. Eine genaue Zahl kennt die Stadt überhaupt nicht, deshalb soll am Donnerstag im Sozialausschuss beschlossen werden, eine Studie über die Münchner Obdachlosen zu erstellen. Trotzdem unternimmt die Stadt jetzt schon viel, um die ärmsten Münchner zu unterstützen und zu begleiten. Seit diesem Jahr wird etwa ein acht Jahre lang laufendes Projekt in die Regelförderung aufgenommen und ist nun fester Bestandteil der Münchner Wohnungslosenhilfe: Beim Case Management betreuen Sozialarbeiter verschiedener Hilfsorganisationen besonders schwierige Fälle von Wohnungs- und Obdachlosen.

Sechs Träger der Wohnungslosenhilfe haben sich 2011 zusammengeschlossen, um sogenannten Systemwanderern besser helfen zu können: Das sind Wohnungslose, die häufig besonders psychisch belastet, zudem suchtkrank, verhaltensauffällig oder pflegebedürftig sind. Sie werden zwar im Münchner Hilfesystem betreut, brechen dort aber immer wieder aus und landen häufig auf der Straße. Eine gefährliche Abwärtsspirale, die die Wohlfahrtsverbände zu durchbrechen versuchen, indem sie diesen Menschen Sozialarbeiter an die Seite stellen, die auch dann für sie da sind, wenn sie eigentlich bereits in einer schützenden Einrichtung sind. "Es ist ein Erfolgsmodell, das die Menschen auch weiter betreut", sagte am Dienstag Gordon Bürk, Geschäftsführer des Evangelischen Hilfswerks. Bürgermeistergattin Petra Reiter, die Schirmherrin des Münchner Netzwerks Wohnungslosenhilfe ist, lobt, "dass man uns in ganz Deutschland um dieses Netzwerk beneidet".

Die Hilfe kann Menschen das Leben retten. Da war zum Beispiel ein Mann Ende 60. Er wurde zunehmend verwirrt, manchmal aggressiv und neigte zur Verwahrlosung. Er war nicht mehr in der Lage, sich allein durch München zu bewegen. Häufig bekam er Hausverbote in vom Sozialreferat vermittelten Pensionen, deshalb mussten gerade im Winter Sozialarbeiter darauf achten, dass er im Freien nicht erfriert. Die Streetworker erreichten, dass der Mann doch wieder in den Pensionen übernachten konnte, und sie konnten über viele Monate hinweg ein so großes Vertrauen zu ihm aufbauen, dass er schließlich bereit war, in eine geronto-psychiatrische Einrichtung zu ziehen.

"Die Klienten kommen oft jahrelang zu uns", sagt Frank Kumpfmüller, Sozialarbeiter der Obdachloseneinrichtung "Teestube komm" des Evangelischen Hilfswerks. Er und seine Kollegen vom Katholischen Männerfürsorgeverein im Haus an der Pilgersheimer Straße betreuen jeweils zwischen sechs und zehn Betroffene. Diese sind meist älter als 55 Jahre. Sie sind oft seit vielen Jahren in der Wohnungslosen-Szene und beziehen meist Grundsicherung, Hartz IV oder Rente.

Das Case Management wird durch den anhaltend angespannten Wohnungsmarkt immer wichtiger. Denn für viele, die einmal ihre Wohnung verloren haben, gibt es kaum ein Zurück in ein geregeltes Leben. "Wir haben immer weniger Menschen, die wieder in Wohnungen kommen", sagt Claudia Eisele, Abteilungsleiterin Ambulante Dienste und Fachreferentin für Wohnungslosenhilfe beim Katholischen Männerfürsorgeverein. Gordon Bürk wiederum betont, dass "Wohnungslosigkeit eine Herausforderung ist, die wir nur lösen können, wenn die gesamte Stadtgesellschaft an einem Strang zieht". Er fordert vor allem große Unternehmen auf, in München künftig deutlich mehr Werkswohnungen zu bauen. Es könne nicht sein, dass Unternehmen Mitarbeiter nach München ziehen, die sich hier aber keine Wohnungen leisten können oder die Wohnungsknappheit weiter verschärfen.

© SZ vom 08.05.2019

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