Neue Lärmprognosen:Lauter als gedacht

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Neue Computeranalysen lassen Anwohner hoffen: Der Flughafen München muss seine Lärmprognosen für die dritte Startbahn neu berechnen.

Dominik Hutter

Die Lärmprognosen für die geplante dritte Startbahn am Flughafen müssen noch einmal völlig neu berechnet werden. Nach Auskunft der Regierung von Oberbayern kann auf der Grundlage der derzeit eingereichten Daten keine Baugenehmigung für die umstrittene Piste erteilt werden - sie entsprächen nicht dem aktuellen Recht. Die Flughafengesellschaft will die Zahlen demnächst nachliefern. Dabei seien jedoch laut Airport-Sprecher Ingo Anspach allenfalls kleinere Änderungen zu erwarten. Verzögert werde die Startbahnplanung nicht.

Neue Lärmprognosen: Die Lärmbelastung für die Anwohner am Münchner Flughafen muss erneut berechnet werden.

Die Lärmbelastung für die Anwohner am Münchner Flughafen muss erneut berechnet werden.

(Foto: Foto: Marco Einfeldt)

Die Dezibelprognosen haben bereits bei den öffentlichen Erörterungen der knapp 60000 Einwendungen eine Rolle gespielt. Dabei musste, so berichtet der Freisinger Startbahnkritiker Wolfgang Herrmann, ein Vertreter des Luftamts Südbayern einräumen, dass es tatsächlich ein Problem mit den von der Flughafengesellschaft FMG eingereichten Zahlen gibt.

Herrmann war beim Durchforsten der schalltechnischen Untersuchung auf eine Passage gestoßen, derzufolge noch keine zuverlässigen Computerprogramme nach den Standards des neuen, im Juni 2007 in Kraft getretenen Fluglärmgesetzes zur Verfügung stehen. Man müsse daher auf den "Rechenkern" der alten Software zurückgreifen. Die Lärmprognosen sind für die Anlieger von entscheidender Bedeutung. Sie legen fest, wer umgesiedelt oder finanziell entschädigt wird.

Geringe Abweichungen von den Prognosen

Den Flughafen, so versichert Sprecher Ingo Anspach, trifft die neue Aufgabe keineswegs überraschend. Man habe bereits beim Einreichen der Unterlagen gewusst, dass man nur über ein vorläufiges Datenwerk verfüge. Die damals fehlende zertifizierte Berechnungs-Software sei inzwischen fertiggestellt. Sobald das Computerprogramm vom Umweltbundesamt freigegeben werde, beginne der Neudurchlauf der Zahlenkolonne. Die wichtigsten Parameter des neuen Fluglärmgesetzes seien den Experten der FMG aber ohnehin rechtzeitig bekannt gewesen - und bei den vorläufigen Prognosen berücksichtigt worden. Insofern sei jetzt nur noch mit geringen Abweichungen zu rechnen.

Das neue Fluglärmgesetz hat die Startbahnplanung bereits in der Vergangenheit stark verteuert. Denn während in dem im März 2007 abgeschlossenen Raumordnungsverfahren, das noch nach altem Recht lief, von etwa 100 (teilweise freiwilligen, teilweise erzwungenen) Absiedelungen und etwa 3000 Entschädigungsfällen die Rede war, sieht die aktuelle Statistik aus dem Planfeststellungsverfahren so aus: Rund ein Dutzend Häuser im Bereich Schwaigermoos muss auf jeden Fall weichen - diese Grundstücke liegen künftig innerhalb des Flughafenzauns.

Zusätzlich muss die FMG jedem Anlieger, dem tagsüber ein Dauerschallpegel von 70Dezibel oder mehr droht, ein Kaufangebot für Haus und Grundstück machen. Dies betrifft inzwischen rund 250Menschen in 50Gebäuden. Die FMG hat aber zugesagt, bei weiteren Hauseigentümern in dem von der dritten Startbahn besonders betroffenen Süden des Freisinger Ortsteils Attaching ein freiwilliges Angebot abzugeben. Anspruch auf Schallschutzfenster und Entschädigung haben nun rund 3250Airport-Anlieger - allerdings ist es auf etlichen Grundstücken schon jetzt so laut, dass der Flughafen die gesetzlich vorgeschriebenen Zahlungen längst abgeleistet hat.

Ein "Schlag ins Gesicht der Bevölkerung"

Diese Differenz zwischen alten und neuen Zahlen belegt, welch große Rolle das Berechnungsverfahren spielt. Denn natürlich hat sich seit März 2007 die prognostizierte Lärmbelastung durch die dritte Piste nicht wirklich verändert. Neu sind nur die Parameter, die in das außerordentlich komplizierte Rechenwerk einfließen, das im Endergebnis ein möglichst realitätsgetreues Bild der künftigen Belastung liefern soll.

Dabei spielt beispielsweise der Wind eine Rolle. Die Flugzeuge starten je nach Wind in unterschiedliche Richtungen, und da Starts lauter sind als Landungen, ist es für die Lärmprognose von entscheidender Bedeutung, wie viele Tage mit Ost- und wie viele mit Westwind kalkuliert werden.

Die FMG hat übrigens inzwischen, mit Bewerbungsschluss am 28.April, die Ausschreibung für die Planung der Piste, der Rollwege und der Vorfeldflächen abgeschlossen - zum Entsetzen des grünen Landtagsabgeordneten Christian Magerl, der auf das noch laufende Genehmigungsverfahren verweist. Ein derartiges Vorgehen sei ein "Schlag ins Gesicht der Bevölkerung und eine grobe Missachtung der Planfeststellungsbehörde".

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