Neuaubing Gefahr der Ghettobildung

Die Schule an der Wiesentfelser Straße besuchen vor allem Kinder aus bildungsfernen, einkommensschwachen Familien mit Migrationshintergrund.

(Foto: Catherina Hess)

Geplante Sprengel-Änderung beunruhigt die Leitung der Neuaubinger Grundschule an der Wiesentfelser Straße

Von Ellen Draxel, Neuaubing

Die Leitung der Grundschule an der Wiesentfelser Straße und der Elternbeirat kritisieren die geplante Änderung des Grund- und Mittelschulsprengels für Neuaubing und Freiham. Beide hatten gehofft, Kinder aus den derzeit neu entstehenden Siedlungen an der Gleisharfe und am Dorniergelände in die Schulfamilie integrieren zu können. Wenn nun aber an der Anton-Böck-Straße im Gewerbegebiet Freiham-Süd Schulpavillons errichtet werden, in die alle Erstklässler südlich der Bodenseestraße eingeschult werden sollen - also auch aus den Bereichen Gleisharfe und Dorniergelände -, fürchtet die Grundschule an der Wiesentfelser Straße um ihren Bildungsauftrag.

Die Schule an der Wiesentfelser Straße besuchten vor allem Kinder aus "bildungsfernen, einkommensschwachen Familien" mit Migrationshintergrund, erläutern Schulleiterin Gertrud Füchsle, Konrektorin Antje Milleder und Elternbeiratsvorsitzende Christine Ostermann in einem Schreiben, das sowohl an die benachbarte Limesschule und die Stadt, aber auch an die katholische wie evangelische Kirche und die Regierung von Oberbayern adressiert ist. In diesen Familien finde wenig Kommunikation statt, es gebe "kaum Denk-, Sprach- und Kreativitätsanreize". Sprachlich ließen sich "große Defizite" feststellen. "Diese Familien ziehen sich häufig entsprechend ihrer Ursprungsidentität in Parallelgesellschaften zurück." In dem Schulsprengel der Grundschule an der Wiesentfelser Straße liege auch das Zentrum der türkischen Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP), die deutlich rechts von Präsident Erdoğans AKP gesehen wird.

Diese "Ghettobildung aufzubrechen" ist der Schule seit jeher ein großes Anliegen - mit Kindern aus den Neubaugebieten südlich der Bodenseestraße wäre eine solch "soziokulturelle Durchmischung" möglich. Integration, argumentieren Schulleitung und Elternbeirat, geschehe meist unbewusst und deshalb erfolgreich. Indem sich Kinder von anderen Kindern Sprech- sowie Denk-, Handlungs- und Verhaltensweisen abschauten.

Das Team der Wiesentfelser-Schule nennt aber noch ein zweites Argument, das aus ihrer Sicht gegen einen sogenannten "Arbeitssprengel Anton-Böck-Straße" spricht: die Schülerzahlen. "Es ist davon auszugehen, dass aus dem Bereich südlich der Bodenseestraße Eltern aus unserem Schulsprengel Gastschulanträge für den Schulpavillon stellen werden", so Füchsle, Milleder und Ostermann. Anstatt ihre Kinder in die Grundschule an der Wiesentfelser Straße zu schicken, würden diese Eltern demnach eine Sondergenehmigung beantragen, die ihnen einen Sprengelwechsel erlaubt. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Das Provisorium in Freiham, das langfristig durch einen Neubau ersetzt werden soll, liegt für Schüler aus diesen Gebieten viel näher als die Wiesentfelser Straße. Außerdem soll es an der Anton-Böck-Straße einen Ganztageszug geben.

Insgesamt, fürchten Schulleitung und Elternbeirat, gäbe es im kommenden Schuljahr damit an der Grundschule an der Wiesentfelser Straße weniger Erstklässler, als bislang gedacht. Geplant waren drei erste Klassen mit einer überschaubaren Schüleranzahl. Wenn es nun weniger Kinder sind, kommen eventuell nur zwei Klassen zustande - dafür mit sehr vielen Kindern, weil erst von einer bestimmten Schülerzahl an eine dritte Klasse gebildet werden darf. "Gerade in den ersten Klassen befinden sich jedoch zahlreiche Kinder mit kaum bis wenig deutschen Sprachkenntnissen." Für sie seien kleine Gruppen "immens wichtig". Die Schulleitung und der Elternbeirat der Wiesentfelser-Schule sprechen sich deshalb gegen eine Sprengel-Änderung aus. Um in dieser Frage selbst mitreden zu können, bietet die Schule an, die Interimsleitung der Pavillons an der Anton-Böck-Straße zu übernehmen - eine Aufgabe, die derzeit noch der Grundschule an der Limesstraße zugedacht ist, für die die Container zur Deckung des Platzbedarfs eigentlich errichtet werden sollen.