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Neuaubing:Das lange Warten

Der Bahnübergang an der Brunhamstraße wird wohl bis zum Jahre 2028 viel länger geschlossen sein als die derzeitigen 26 Minuten pro Stunde. Grund dafür ist nicht der Bau der zweiten Stammstrecke, sondern eine "zuggebundene Lösung mit Gefahrraumüberwachung"

Von Ellen Draxel, Neuaubing

Der Bahnübergang an der Brunhamstraße wird voraussichtlich von Ende 2022 an bis mindestens 2028 deutlich länger geschlossen sein als die 26 Minuten pro Stunde, die heute üblich sind - "im Regelfall gut 43 Minuten in der Hauptverkehrszeit". Das hat die Bahn jetzt auf Bitte des Mobilitätsreferats klargestellt. Der Grund ist eine geplante Erneuerung des Bahnübergangs: Dieser entspricht nicht mehr dem aktuellen Stand der Technik und wird derzeit noch von einem Mitarbeiter vor Ort "per Knopfdruck" bedient. In Zukunft soll dieser nun "durch eine zuggebundene Lösung mit Gefahrraumüberwachung" ersetzt werden, wie es im Bahndeutsch heißt.

Konkret heißt das: Sobald ein Zug einen sogenannten Einschaltkontakt am Gleis passiert, werden die Schranken automatisch geschlossen. Für den Übergang Brunhamstraße befinden sich diese Kontakte in den Bereichen Pasing und Freiham. Anschließend stellt sich das Signal für den Zug auf Fahrt. Pro Zug erhöht sich hierdurch die Schließzeit des Bahnübergangs, sie beträgt dann etwas mehr als 200 Sekunden. Macht bei sechs S-Bahnen je Richtung und Stunde in Summe 43 Minuten und 18 Sekunden Gesamtschließzeit in der Hauptverkehrszeit.

"Die Erneuerung ist notwendig, um einen flexibleren und zuverlässigen Bahnbetrieb zu ermöglichen", erläutert ein Bahnsprecher. Der S-Bahn-Verkehr könne so im Falle von Störungen oder Baustellen deutlich flexibler durchgeführt werden. Bei eingleisigem Zugverkehr steige dank dieser neuen Lösung die Kapazität um bis zu 50 Prozent. Der Betrieb während der im Jahr 2024 geplanten Erneuerung der Eisenbahnüberführung über die Bodenseestraße etwa könne dann mit deutlich geringeren Einschränkungen weitergeführt werden. Außerdem mache die automatische Steuerung und Überwachung den Bahnübergang sicherer.

Die Inbetriebnahme der zweiten Stammstrecke, betont die Bahn, sei "zunächst nicht ursächlich" für die Berechnung der veränderten Schließzeiten. Denn es würden ja weiterhin zwölf Züge pro Stunde verkehren, allerdings dann ganztägig und nicht nur in der Hauptverkehrszeit.

Mit den gut 43 Minuten, die die Bahn jetzt nennt, bestätigt das Unternehmen in etwa die Zahl, die es schon vor vier Jahren kommuniziert hatte. Weil es damals hieß, man rechne künftig mit rund 46 Minuten Schließzeit pro Stunde, sprach sich die Stadt München für eine Unterführung an der Brunhamstraße aus.

Außerdem widerspricht die Bahn mit dieser Berechnung einem Gutachten, das die Gemeinde Gräfelfing jüngst in Auftrag gegeben hatte. Laut Ausführungen des Büros Vieregg-Rössler im März können Autos nach Fertigstellung der zweiten Stammstrecke lediglich während insgesamt 15 Minuten pro Stunde die Gleise nicht passieren. Gräfelfing, das durch eine Unterführung an der Brunhamstraße einen enormen Zuwachs an Verkehr befürchtet, hatte auf Basis dieser Studie dafür plädiert, die jetzige Situation einfach zu belassen.

Der Bezirksausschuss-Vorsitzende Sebastian Kriesel (CSU) wundert sich. "Warum werden nun wieder andere Tatsachen ins Spiel gebracht?", fragt er. Man müsse das Verfahren komplett neu aufrollen. "Wieso steigen die Schrankenschließzeiten, wenn es keine Änderungen gibt?" Neuaubing müsse ein Verkehrschaos erspart bleiben, der südliche Teil dürfe nicht abgehängt werden.

Die Stadt München will die Untersuchungen fortführen. Gemeinsam mit allen Beteiligten müsse "weiter an einer Lösung gearbeitet werden", sagt Mobilitätsreferent Georg Dunkel. Denn aus städtischer Sicht ist eine Schrankenschließzeit von etwa 43 Minuten pro Stunde "so nicht tragbar". Zur Debatte stehen grundsätzlich drei Varianten: Den Beibehalt des Status quo, eine Unterführung oder der Bau einer Verbindungsstraße von der Brunhamstraße parallel zu den Gleisen bis zur Straße Am Gleisdreieck und der dortigen schon bestehenden Unterführung.

Der Einfluss der zweiten Stammstrecke selbst benötigt aus Sicht der Bahn ohnehin noch eine vertiefende Untersuchung, da zeitliche Veränderungen etwa durch Zug-Überschneidungen im Bereich des Bahnübergangs oder eine geringere Schließzeit der Express-S-Bahn durch den Entfall der Halte am Westkreuz, in Neuaubing und in Freiham bislang nicht ausreichend berücksichtigt wurden.

"Möglicherweise", so Dunkel, könne damit "auf eine Beseitigung des Bahnübergangs verzichtet werden, sofern für die Übergangszeit für die Bodenseestraße und die Brunhamstraße leistungsfähige und verkehrssichere Lösungen erarbeitet werden" könnten. Auch eine Stellungnahme der Firma Sirius, der Gewerbeflächen längs der Bahn gehören, steht noch aus. Das Mobilitätsreferat hat die Firma angefragt, um zu klären, ob es grundsätzlich denkbar wäre, über ihr Gelände eine Straße zu bauen.

© SZ vom 11.06.2021
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