Nach Missbrauchsstudie Entsetzen, Scham und Ruf nach Konsequenzen

Konsequenzen in den Pfarrgemeinden hält der Katholikenrat "für unumgänglich".

(Foto: dpa)
  • Die katholischen Laien in der Region München haben am Freitagabend mit einer Resolution "systemische Änderungen, wo immer es notwendig erscheint", gefordert.
  • Unter anderem müsse die Kirche unbedingt zu einem offenen Umgang mit Sexualität und zu einer geeigneten Auswahl von Priesterkandidaten finden, so Referenten gegenüber dem Münchner Katholikenrat.
  • Erst vor wenigen Tagen hatten Redner wie der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse die Missbrauchs-Krise eindeutig als eine Überlebenskrise der Kirche deklariert.
Von Tom Soyer

Die katholischen Laien in der Region München haben "mit Entsetzen und Scham" auf die Ende September veröffentlichte Missbrauchsstudie der deutschen Bischofskonferenz reagiert und am Freitagabend mit einer Resolution "systemische Änderungen, wo immer es notwendig erscheint", gefordert. Konsequenzen in den Pfarrgemeinden hält der Katholikenrat dieser bei nur einer Gegenstimme verabschiedeten Entschließung zufolge "für unumgänglich". Die Studie beziffert 5,1 Prozent aller Diözesanpriester als Missbrauchstäter, unter Ordenspriestern liegt diese Quote bei 2,1 Prozent, bei den ohne Zölibat lebenden Diakonen bei 1,0 Prozent.

Mit Blick darauf, dass die deutsche Bischofskonferenz bisher über sehr allgemeine Willensbekundungen nicht hinausgekommen ist und auch in diesen Bekenntnissen weiterhin am Primat des Kirchenrechts - also ohne Kooperation mit der staatlichen Justiz - festhält, verlangt der Münchner Katholikenrat nun "ein Vorgehen, in dem wir gemeinsam, Klerus und Laien, Hauptamtliche und Ehrenamtliche, an einer Lösung all dieser Probleme arbeiten".

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Erst vor wenigen Tagen war das Thema auch in Bad Godesberg beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken diskutiert worden, und Redner wie der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse hatten die Missbrauchs-Krise eindeutig als eine Überlebenskrise der Kirche deklariert. Die Bischöfe hätten "den Schuss nicht gehört", hieß es, weil sie immer noch zu sehr das Ansehen der Kirche im Blick hätten. Die Bedürfnisse der unzähligen Opfer und die gesellschaftliche Anforderung unabhängiger Aufklärungsarbeit, nicht innerkirchlich, sondern mit den Instrumenten der staatlichen Justiz, würden weiterhin kaum oder gar nicht berücksichtigt. Solche Kritik war im Vorfeld der Herbstversammlung des Münchner Katholikenrats auch von Mitgliedern zu hören. In seiner nun verabschiedeten Resolution wird das Laiengremium aber weitaus weniger deutlich.

Dabei hatten zwei Expertenvorträge die rund 60 Mitglieder des Katholikenrats und die ebenfalls anwesende bayerische Sozialministerin Kerstin Schreyer eindrücklich auf diese und weitere Problemstellungen beim Thema des sexuellen Missbrauchs durch Kirchenvertreter hingewiesen. Psychologie- und Soziologie-Professor Heiner Keupp etwa leitet aus eigenen Studien zu Missbrauchsfällen im Kloster Ettal und an der Odenwaldschule, aber auch aus der gerade vorgelegten sogenannten MHG-Studie (an der Forscher aus Mannheim, Heidelberg und Gießen beteiligt waren, daher das Kürzel) Einiges ab, was die Kirche dringend zu beherzigen hätte: So seien die meisten Täter nicht etwa Pädophile oder psychische Soziopathen, sondern gesunde Männer "von sexueller Unreife", teils auch mit unterdrückter Homosexualität.

Natürlich sei da über den Zölibat nachzudenken, so Keupp. Wobei das allein sicher zu kurz greift, weil 95 Prozent der Priester damit zurechtkommen. Unbedingt müsse die Kirche zu einem offenen Umgang mit Sexualität und zu einer geeigneten Auswahl von Priesterkandidaten finden, so die Referenten.

Erschreckend auch: Nur 34 Prozent der untersuchten 1670 Missbrauchsfälle zwischen 1946 und 2014 hätten ein kirchenrechtliches Verfahren erhalten, "das heißt, mehr als 50 Prozent blieben ohne Konsequenzen!", kritisiert Keupp. Die Studie der Bischofskonferenz belegt zudem, dass viele Akten vernichtet oder manipuliert worden seien - und obendrein habe die Kirche der Forschergruppe keinen direkten Einblick in Kirchenakten gewährt. All das seien nicht unbedingt vertrauensförderliche Details, dafür aber ein Beitrag zu immensem Vertrauensverlust der Institution Kirche.

Keupp empfiehlt den Bischöfen deshalb, "sich vom Staat helfen zu lassen" und die kirchenrechtliche Abschottung, die kircheneigene Machtfülle ("Klerikalismus") zu hinterfragen. "Man muss in dieser schweren Krise drüber nachdenken, wie die Gefährdungen mit der Systemarchitektur zusammenhängen." Dazu gehörten ein "gelebtes Präventionskonzept", eine unabhängige Aufarbeitung, eine öffentlich sichtbare Form der Erinnerung an Missbrauchsfälle und vor allem "eine glaubwürdige Verständigung zwischen der Institution Kirche und den Opfern" - mit Ombudsstellen als unabhängigen, außerkirchlichen Anlaufstellen für Missbrauchsopfer.

Als Vizepräsident der Jesuitenhochschule München hat auch Professor Godehard Brüntrup vor den rund 60 Laienvertretern des Katholikenrats gefordert, das "überhöhte Selbstbild der Kirche als einer societas perfecta" nun von außen aufzubrechen. Mit "einsamen Entscheidungen" hätten Bischöfe und höhere Ordensvorgesetzte die Missbrauchsfälle nicht gelöst, sondern manchmal die Täter "nur nach dem Sankt-Florians-Prinzip versetzt". Die Folge: Eine Spur der Verbrechen, weil Diözesen nicht gewarnt wurden und weil "Täter und Vorgesetzte relativ sicher sein konnten, nicht von der weltlichen Justiz verfolgt zu werden".

Brüntrup hält es für unausweichlich, dass nun Elemente der staatlichen Gewaltenteilung auch in der Kirche eingeführt werden. Der "typisch kirchliche Mechanismus der Vertuschung" sei endlich durch eine direkte Zusammenarbeit mit der Justiz zu ersetzen. Die Kirche müsse sich auch verabschieden vom "Lebensentwurf des Mit-Sexualität-möglichst-wenig-zu-tun-haben-Wollens", so Brüntrup. Sie müsse ein anderes Priesterideal anstreben und die alte Vorstellung von "engelsgleichen" Geschöpfen am Altar überwinden. "Die Kirche muss ein normaler Teil der Zivilgesellschaft werden", ergänzt Keupp.

Dass in der Kirche noch immer "vorrangig Wut auf die Täter, aber wenig Empathie mit den Opfern" herrsche, sei "sicher der falsche Weg", rügte Münchens frühere Dritte Bürgermeisterin Gertraud Burkert als Zuhörerin in der Diskussion. Mit solcher Wut mache man es sich zu leicht. In der deutschen Bischofskonferenz, so ergänzte die im Sommer neu gewählte Vorsitzende des Katholikenrats der Region München, Hiltrud Schönheit, "sind offenbar nicht alle Bischöfe überzeugt, dass die Kirche was tun muss". Die Resolution des Münchner Katholikenrats solle Kardinal Reinhard Marx in diesem Sinne "stärken, etwas zu tun" und begrüßt auch, dass es nun eine Präventions-Handreichung der Erzdiözese zu sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen gebe. Nun sollten auch die einzelnen Pfarrgemeinden individuelle Schutzkonzepte erarbeiten und diese auch öffentlich machen.

Die 366 Seiten umfassende MHG-Studie der Deutschen Bischofskonferenz ist auf der Homepage der Bischofskonferenz veröffentlicht.

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