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Musik:Hier treffen sich die Münchner zum Singen

Turmsingen, Isartor, 3. Stock im Karl-Valentin-Musäum

Klaus Servi leitet das offene Singen im Turmstüberl.

(Foto: Florian Peljak)

Im Turmstüberl des Valentin-Karlstadt-Musäums wird es eng, wenn das Kulturreferat der Stadt zum offenen Singen einlädt. Und auch andere Treffen für Gelegenheitssänger sind gefragt.

Es ist heiß im Turmstüberl im Valentin-Karlstadt Musäum am Isartor. Sechzig, vielleicht siebzig Menschen drängen sich schon auf den Bänken und Stühlen, und noch immer schieben sich neue Gäste die enge Wendeltreppe hinauf. Gekommen sind sie alle aus einem Grund: Sie wollen singen. Dazu lädt das Kulturreferat der Stadt alle zwei Monate ein. Mitmachen dürfen beim freien Singen alle, die münchnerisches und alpenländisches Liedgut mögen, egal ob sie Gesangserfahrung haben oder nicht. Mittlerweile ist der letzte Platz besetzt, dabei geht es offiziell erst in 30 Minuten los. Wer zum Turmsingen möchte, muss früh dran sein.

Dass es an diesem Tag so voll ist, liege aber auch am "Servi Klaus ", heißt es von erfahrenen Turmsängern. "Ich komm' nur, wenn der Servi da ist", sagt eine Besucherin, "er ist einfach der Beste." Klaus Servi, dunkelrot gestreiftes Hemd und Trachtenweste darüber, sitzt an einem Tisch und geht noch einmal in Ruhe die Noten der Lieder durch, die er heute mit den Turmsängern singen möchte. Servi ist einer von mehreren Sing-Anleitern im Turm. Gerade hat ihm eine Dame ein Fotoalbum überreicht. Schnappschüsse, die sie auf Konzerten von ihm angefertigt hat.

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Servi hat sich eine treue Fanbasis aufgebaut, doch er möchte lieber über etwas anderes reden: "Heutzutage wird viel zu wenig gesungen", sagt er und steckt das Fotoalbum weg. "Dabei ist Singen so befreiend und bringt einen auf andere Gedanken". In seiner Kindheit habe die Mutter kein Geld für Instrumente gehabt, aber gesungen hätten sie immer. Diese Erfahrung möchte Servi weitergeben. "Wenn der ein oder andere die Lieder im Freundeskreis weiter verbreitet, dann ist das für mich schon die größte Freude", sagt er.

Mittlerweile ist das Thermometer im Turmstüberl noch einmal um ein, zwei Grad nach oben geklettert. Servi steht auf, hängt sich die Gitarre über die Schulter, klatscht in die Hände und sagt in tief bairischem Dialekt: "Singa is gsund, hob i ma sagn lassen, drum gfreits mi ganz bsonders, dass so viele da san". Als erstes Stück hat er ein so genanntes Quodlibet vorbereitet. Die Männer singen eine Basslinie auf den Text "Oa Mass Bier, zwoa Mass Bier" - so geht das weiter bis zur achten Mass. Ein Teil der Frauen singt darüber das wohlbekannte "Oh du lieber Augustin".

"Und der Rest singt was Spezielles", ruft Servi und stimmt den Schlager "Sehnsucht heißt das alte Lied der Taiga" an. Die Sängerinnen setzen mit leuchtenden Augen ein. Alexandras "Sehnsucht" von 1968 kennen viele noch aus den Radiosendungen der Kindheit. Kaum jemand ist jünger als Mitte 50 hier. "Ich schau immer, dass für jeden was dabei ist", sagt Klaus Servi. Von längst vergessenen alpenländischen Jodlern über witzige Couplets bis zum alten Schlager ist im Repertoire alles vertreten.

Im richtigen Leben, wie Servi es nennt, ist er Informationselektroniker. Aber die Volksmusik ist schon immer seine große Leidenschaft. An einem Sonntagabend vor fünf Jahren sei dann ein Anruf aus dem Kulturreferat gekommen. Der Anleiter für das Turmsingen sei ausgefallen, habe der verzweifelte Mitarbeiter gesagt, ob er nicht spontan übernehmen könne. "Und seitdem mach ich's", erzählt Servi.