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Münchner Momente:Urbane Igel unterwegs

Igel sind seit langem echte Münchner - erstaunlich ist aber schon, wie tief in die Großstadt die Tiere inzwischen vorgedrungen sind

Wenn die Igel in der Abendstunde still nach ihren Mäusen gehn, sollte der Mensch besonders wachsam sein, wusste schon Kurt Tucholsky. Besonders Autoreifen sind in der nun hereinbrechenden dunklen Zeit häufig des Igels Tod, wenn das mit Winterspeck angefressene Stacheltier herbstschläfrig über nasse Straßen schleicht. Das ist schlimm, besonders weil doch Igel seit langem echte Münchner sind. Naturschützer wissen, dass die Stadt ein Sehnsuchtsort für die ursprünglich in Mischwäldern und Auen heimischen Nachtschwärmer geworden ist, seit es auf dem Land vor allem im faden Stangerlwald und dem heckenlosen Industrieacker kaum noch Platz für Igel gibt.

München dagegen ist Igelland. Bund Naturschutz und Landesbund für Vogelschutz zählen regelmäßig, wie viele von den Viechern durch städtische Parks und Vorgärten tapsen, immer auf der Suche nach einem köstlichen Wurm oder Käfer. Dabei stellen die Igelfreunde Erstaunliches fest. Die Tiere tummeln sich nicht etwa dort, wo sich auf morastigem Heimatboden Pferd und Pony Gute Nacht sagen - also etwa im tiefsten Nordosten der Stadt. Dort liegen wertvolle Ackerflächen, auf die sich kaum Igel hin verirren würden. Nein, Igel sind echte Großstädter: Direkt am Stachus treiben sie sich herum, an der Neuen Pinakothek und am Alten Kongresszentrum auf der Theresienhöhe. Igel lieben Urbanität, denn Igel sind die Punks unter den Tieren.

Sie sind Individualisten, dabei unerschrocken bis draufgängerisch. Dafür haben sie nicht allzu große Ansprüche an ihre Unterkunft. Ein großer Laubhaufen im Herbst tut es schon, ach was, das ist Partyzone! Gerade erst hat sich einer in Ramersdorf zum Pennen in einen roten Blätterhügel verkrochen und rüsselt jetzt durch den Winter. Es ist trocken und warm dort drin. Nur manchmal wird es feucht: Täglich in der Abendstunde kommen Nachbarhunde vorbei und heben am Igelhaus gemein das Bein.

© SZ vom 29.10.2019
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