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Münchner Momente:Schwitzen mit Aussicht

Fitnessstudios können so peinlich sein. Vor allem, wenn man dort Kollegen trifft

Von Christiane Lutz

Die Deutschen, das liest man immer wieder in Studien, sind extrem engagierte Fitnessstudio-Gänger. 2014 hatten mehr als neun Millionen Deutsche eine Mitgliedschaft in Einrichtungen, in denen sie sich bunte Magnesium-Drinks zapfen können und die irgendwas mit "Body" oder "Lady" oder "fit" im Namen haben müssen. Wie häufig allerdings einer tatsächlich an der Klimmzugstange hängt, geht aus den Studien nicht hervor. Vermutlich ist es minimal seltener als neun Millionen Mal im Jahr. Die Wahrscheinlichkeit, dass man einen Arbeitskollegen auf dem Crosstrainer trifft, ist daher verhältnismäßig gering. Die Wahrscheinlichkeit, Elyas M'Barek zu begegnen, glücklicherweise auch. (Wobei, so schwört Kollegin eins, ihr auch das schon passiert sei.)

Eine albtraumhafte Vorstellung: Da rollt man im Studio am Ostbahnhof schlecht gelaunt und unfrisiert über den Boden seines Pilates-Kurses, während die Trainerin, doppelt so alt, dreimal so fit, sanft erinnert: "Seid kein Zelt! Seid hart wie ein Brett!" Man guckt in den Spiegel und sieht: Da turnt Kollegin zwei aus der Personalabteilung. Oh Schreck! Wer will schon wissen, dass Kollegin drei zum "Bauch, Beine, Po" geht und Kollege vier auf dem Laufband zu enge Hosen trägt? Deswegen ist es ratsam, mit vom gleichen Fitnessstudio betroffenen Kollegen einen Plan auszutüfteln, wer wann wo herumrollt und schwitzt, damit jeder seinen sportlichen Ambitionen ungeniert nachgehen kann. Du montags, ich dienstags, Kollege vier muss mittwochs, da ist nämlich Partner-Yoga.

Freies Brustkorb-Atmen im Pilates. (Das macht man da übrigens wirklich, aber das ist ein anderes Thema.) Störungsfreies Fluchen an der Beinpresse. Kein Smalltalk an der Magnesium-Drink-Zapfanlage. Dann eine reinigende Abschlussrunde in der Studio-Sauna. Aussicht über die Stadt. Die Hitze wird unerträglich. Aber nicht wegen der Temperatur: Vom Saunafenster aus kann man das Bürogebäude sehen.

© SZ vom 11.03.2016
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