Münchner Momente:Revolution ohne Rolle

Beim Klopapier ist die Zahl der Innvationen überschaubar. Doch nun liegt im Supermarkt eine neue Rolle, die vor allem Bastelfreunde vor Probleme stellt

Glosse von Stephan Handel

Dass dieser eine Milliardär jetzt gerade mal kurz in die Schwerelosigkeit gehopst ist - geschenkt, denn erstens machen das Amis, Russen und Chinesen seit Jahrzehnten, und zweitens freut sich wahrscheinlich nur die FDP darüber, dass nach Krankenhäusern und Wasserversorgung nun auch das Weltall privatisiert wird. Die wahren Innovationen, drittens, passieren sowieso anderswo. Zum Beispiel im Supermarkt.

Eine der großartigsten Erfindungen der Menschheit ist ohne Zweifel das Toilettenpapier - wie sehr es zu unserer Kultur beiträgt, wurde spätestens klar, als die Leute im vergangenen Jahr pandemiebedingt begannen, es zu horten und dadurch kurzfristig eine gewisse Knappheit entstand. Seit der mitteleuropäische Mensch vor etwa 200 Jahren begann, auf Rollen gedrehtes, abreißbares Papier zur Säuberung von Säuberungsbedürftigem zu verwenden, musste das Toilettenpapier keine großen Neukonstruktionen mitmachen - eine Papprolle, darum gewickelt das eigentliche Wegwerfprodukt. Die Konkurrenz der verschiedenen Hersteller bestand in erster Linie darin, mehrere Lagen des Papiers zu immer hautfreundlicheren Kombinationen übereinander zu legen. Nun aber liegt auch in Münchner Supermärkten die größte Revolution, seit Toilettenpapier die heimische Nasszelle bezogen hat: Die Mittelrolle ist weg!

Es gibt also jetzt Toilettenpapier, das vom Anfang bis zum Ende nur aus Toilettenpapier besteht. Erste Versuche ergaben keine größeren Nachteile beim Platzieren auf dem dafür vorgesehenen Halter, weder bei Roll- noch bei Reißbarkeit. Anzunehmen ist, dass das Verschwinden der Mittelachse ökologische wie ökonomische Gründe hat: spart Alt-Pappe und kostet weniger. Was allerdings dabei nicht bedacht wurde: Praktisch die komplette Kinder-Bastelliteratur muss neu geschrieben werden, und wenn in Kindergärten mal wieder Nikoläuse oder Osterhasen fabriziert werden sollen, dann könnten die Erzieherinnen dort ziemlich von der Rolle sein.

© SZ vom 14.07.2021
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