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Münchner Momente:Reine Kopfsache

Schräge Masken und seltsame Anblicke - vieles ist komisch in diesen Zeiten. Aber ein Bier-Balanceakt auf dem Radl ist nicht nur komisch, sondern komisch schön

Kolumne von Stephan Handel

In diesen komischen Zeiten - die ja schön langsam wieder normal komisch werden, nicht mehr so komisch komisch wie noch vor vier Wochen -, in diesen komischen Zeiten also kann, wer aufmerksamen Blicks durch die Welt und die Stadt geht, jede Menge komischer Sachen beobachten: Männer, die ihre Maske nicht als Mund-Nasen-Schutz verwenden, sondern zur Aufbewahrung des Vollbarts. Andere, die sich auf ihre Maske ein Foto vom unteren Teil ihres eigenen Gesichts haben drucken lassen, so dass das eigentlich vollständige Gesicht aus zwei Hälften besteht, einer oberen, lebendigen und einer darunter, gedruckt und starr. Oder Frauen, die mutterseelenallein abends durch unbelebte Straßen radeln, aber dennoch Maske tragen. Wozu?

Das ist traurig-komisch, erhebend komisch aber war eine Begegnung vor ein paar Tagen, bei der ein Radl ebenfalls eine Rolle spielte: Wartephase an der Ampel am Lenbachplatz, von oben, aus Richtung Stachus, kommt ein Mann angekurbelt, und während er vor sich hintritt balanciert er auf dem Kopf eine Halbe Bier, als wär's nix. Das Bier befand sich in einem Glaskrug, der, soweit ersichtlich, nirgendwo befestigt war auf dem Haupt des Mannes, nichts schwappte über oder daneben, obwohl der Radweg am Lenbachplatz nicht arm an Unebenheiten ist.

Der Mann machte einen zufriedenen, fast schon glücklichen, in sich ruhenden Eindruck, er fuhr so vor sich hin, ohne Hektik und Eile, aber dennoch zügig, als freue er sich schon darauf, bald in einer Parkanlage seine Halbe Bier vom Kopf zu nehmen, sich auf eine Bank zu setzen und gemütlich zu trinken, immerhin stilvoll aus einem Krug. Die Leute an der Ampel schauten ihm ungläubig nach, ein bisschen belustigt, ein bisschen respektvoll und ein bisschen neidisch: Ein Glas auf dem Kopf balancieren können, wenn mal keine Hand frei ist aus Gründen der Straßenverkehrsordnung, wer würde das nicht gerne können. Das war komisch. Komisch schön.

© SZ vom 30.06.2020

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