Münchner Momente:Hochgenuss und Rostbratwerschd

Man kann den Wagner nicht mit der gleichen inneren Einstellung betrachten wie die Sportschau. Das Erlebnis muss inszeniert werden - mit Käsewürfel zum Holländer und Eidechse vom Grill

Glosse von Stephan Handel

Gott sei Dank hatte Ludwig II. damals schon das ganze Geld verbraten, sodass er seinem Richard Wagner das Opernhaus zur Veranstaltung von Wagner-Festspielen in München doch nicht spendieren konnte. Man stelle sich nur vor: Ein Mal im Jahr fällt eine Horde von Politikern, Musikkritikern und Dr. Schönfärbers in der Stadt ein, nach Wiesn, Filmfest und Opernfestspielen ein Anlass mehr, um über Promis zu schimpfen und die Bier- beziehungsweise Schampus-Preise zu beklagen. Wo der Wagner-Walhall hätte stehen sollen, haben sie übrigens später den Friedensengel hingebaut, der macht deutlich weniger Lärm als ein Opernhaus.

Natürlich gibt es auch in München genug Leute, die Wagners Musik verehren und die schon wissen wollen, ob die in Bayreuth anständig damit umgehen. Glücklicherweise gibt es für sie beim Bayerischen Rundfunk den Livestream, und weil moderne Fernseher, was die Bildschirmdiagonale anbelangt, durchaus mit den Bühnen kleinerer Stadttheater mithalten können, wird der Gesamteindruck nicht durch zu kleinformatige Bilder gestört. Natürlich will so etwas auch zu Hause inszeniert sein - man kann ja den Parsifal nicht mit der gleichen inneren Einstellung betrachten wie die Sportschau. So haben der Mann und die Frau von Welt zur "Holländer"-Premiere gewiss verschiedene Heringssalate, Käsewürfel und Amstel-Bier kredenzt. Bei Lohengrin gibt es selbstverständlich Schwanensteak, beim Tristan Escorial grün, denn auch der ist eine Art Zaubertrank, bei dem man nicht weiß, was nach dem Genuss passieren wird.

Beim Ring gibt es die Wahl zwischen irgendetwas Drachenähnlichem, also vielleicht Eidechse vom Grill, jeder Art von essbarem Waldvogel oder auch Fisch, wenn man sich die Rheintöchter als Meerjungfrauen vorstellt. Kommt es zum Tannhäuser, sind Sellerie, Spargel und andere aphrodisierende Lebensmittel zu empfehlen. Wem das alles zu abgehoben, zu gekünstelt, zu dekadent erscheint, der halte sich an die Meistersinger von Nürnberg: Dann gibt's nämlich Rostbratwerschd.

© SZ vom 27.07.2021
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