bedeckt München
vgwortpixel

Münchner Momente:Heimatgefühl bei der Ticketkontrolle

Wo ist "Daheim"? Nach sieben Jahren im Ausland stellt der Fahrkartenkauf auch eine gebürtige Münchnerin vor Herausforderungen. Gut, wenn da ein freundliches "Basst scho" ertönt

Sieben Jahre Singapur, da fühlt man sich als Münchnerin dort manchmal schon heimisch, hat einen Lieblings-Chicken-Rice-Hawker, also einen Essensmarkt, die Nummern von Dr. Bosch und anderen zuverlässigen Handwerkern, weiß, wo man günstig französischen Käse kaufen kann, hat einen Fischmann und eine Gemüsefrau seines Vertrauens, geht vor wichtigen Entscheidungen in einen taoistischen Tempel. In der angeborenen Heimat würde man sagen: "Do bin i dahoam." Aber so richtig merkt man das doch erst beim Heimaturlaub.

Das Flugzeug ist mit drei Stunden Verspätung gelandet, der letzte Regionalzug ist weg, und Mietautos sind auch nicht mehr zu bekommen. Eine Freundin gewährt der Exil-Münchnerin und ihrem Sohn telefonisch Asyl für die Nacht, am anderen Ende der Stadt. Aber wie war das, lohnen sich zwei Tageskarten um 23 Uhr? Wenn nicht, was dann? Die MVV-Tarifreform ist da noch nicht in Kraft getreten. Mehrere asiatische Touristen stehen ebenfalls überfordert am Automaten. Mit einer Streifenkarte, vier Koffern und einer Laptoptasche geht es schließlich in die nächtliche S-Bahn. Minuten später ein Schreck, gefolgt von hektischen Anweisungen an den Sohn: "Beim nächsten Stopp rennst du raus, stempelst und rennst sofort wieder zurück. Wenn die Bahn ohne dich wegfährt, treffen wir uns in Pasing." Da ertönt eine Stimme: Fahrkartenkontrolle. Entschuldigungen und Erklärungen sind sinnlos: "Das kann ja jeder sagen. Ich kriege dann zweimal 60 Euro von Ihnen." Der Hinweis auf Singapur und dass man da ohne entwertetes Ticket gar nicht einsteigen kann, macht die Sache nicht besser. "Was, Sie wohnen gar nicht in Deutschland und haben kein gültiges Ticket? Dann muss ich Sie mitnehmen."

Da ertönt von hinten eine zweite Stimme, angenehm bairisch mit leicht ausländischem Akzent: "Basst scho, lass die Frau fahren." Und an die singapurische Ex-Münchnerin gewandt: "Am Ostbahnhof kannst aussteigen und schnell stempeln. Ois easy." In Sicherheit, wenigstens für ein paar Stationen - bis Mutter und Sohn wieder vor dem Automaten stehen. "Woitn Sie ned stempeln?", fragt der Kontrolleur. "Doch, aber ich weiß nicht, wie viele Streifen."

© SZ vom 18.12.2019
Zur SZ-Startseite