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Münchner Momente:Ein bisserl Abstand bitte

Es gibt Situationen, da fliegt den Leuten die Maske nur so von der Nase. Manchen Menschen möchte man da lieber nicht zu nahe kommen

Kolumne von Thomas Anlauf

Es ist immer eine Frage des Abstands. Eineinhalb Meter Distanz in Corona-Zeiten gelten derzeit. Zehn Horst wiederum war der Abstand, den der einstige Ministerpräsident Seehofer als Pi-Mal-Daumen-Regelung für Windkrafträder aufgestellt hatte. Das hieß so viel wie: Ein Rotorspargel darf nur in der zehnfachen Entfernung seiner Höhe von Häusern stehen. Manchen Menschen wiederum möchte man gar nicht zu nah kommen, etwa wenn sie ohne Mundschutz Parolen grölen, warum sie keinen Mundschutz tragen.

Persönliche Entfernungen zu anderen Wesen können durchaus verschieden sein - und sich auch innerhalb kurzer Zeit ändern. Es genügt, mit einem Regionalzug von München nach Kufstein zu fahren, um dort die stickige Krisenmaske von Mund und Nase zu reißen. Oben auf der Kaindlhütte, wo die Luft ohnehin so tirolerisch rein ist, dass man darin sogar seine Hände baden möchte, hocken zwar lauter Münchner, aber dort droben, da passiert schon nichts.

Gut, die Österreicher haben jetzt tagelang darüber nachgedacht, ob denn der Münchner nicht vielleicht doch das Virus heimlich von der Isar zum Inn einschleppen könnte. Aber geh, bis zur Maskenpflicht geht schon noch ein Busserl auf der Almhütte. So sehr beseelt von der Herzigkeit der Hüttenwirte geht's wieder zurück nach München. Daheim geht es aber dafür zur Belohnung für die Wandertour noch an den Gärtnerplatz. Oder doch lieber zur Reichenbachbrücke? Bis gleich, Bussibussi!

Da hocken dann wieder die beieinander, die sowieso dauernd zusammen hocken. Das ist auch schön so in diesem seltsamen Sommer. Trotzdem: Ein bisserl Abstand wäre ganz lieb. Denn am nächsten Morgen stehen sie wieder in der U-Bahn und quatschen unter dem offenen Nasenlatz über ihre Bussi-Bekanntschaften. Die meisten Münchner schauen hinter den Masken deshalb ein wenig neidisch auf die neue Sorglosigkeit. Aber jetzt baut München gerade Attraktionen für alle auf: Riesenräder, Karussells, neue Biergärten und Achterbahnen. Da fliegt auch noch dem letzten Achtsamen die Maske von der Nase.

© SZ vom 21.07.2020

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