Münchner Momente:Die Macht der Flamingos

Hundert rosa Rumstehvögel müssen umziehen, weil der Tierpark ihre Anlage renoviert. Was für eine Chance für die Stadt - doch leider wird sie nicht genutzt

Glosse von Stefan Simon

Der Flamingo ist ein mächtiger Vogel. Vielleicht nicht ganz so mächtig wie der Adler. Aber es reicht, um selbst im Schlaf sicher auf einem Bein zu stehen und um überdies reihenweise Eltern zur Verzweiflung zu treiben. Nicht zu vergessen: Es geht auch ein mächtiger Gestank vom Phoenicopterus roseus aus. Wer jemals eine Große Familienkarte für den Tierpark Hellabrunn erworben hat, weiß sofort, was gemeint ist. Man will den Kindern die Vielfalt und den Wert der Schöpfung vermitteln, kommt aber unmittelbar nach den Kassen keinen Meter mehr weiter. Bis hundert rosa Rumstehvögel zu Ende geguckt sind, ist so ein Tag schnell vergangen. Die gute Nachricht ist: Damit ist es vorbei, die Flamingos sind von diesem Donnerstag an weg.

Den Flamingo-Eingang des Münchner Zoos hat überraschend dasselbe Schicksal ereilt wie Hundekuchen und Hamburger, auch da ist ja nicht drin, was draufsteht. Im Fall Hellabrunns ist das freilich nur vorübergehend. Die Flamingo-Anlage soll mit einem riesengroßen Netz überspannt werden, deshalb müssen die Tiere in ein Ausweichquartier. Dieses ist zwar auf dem Gelände, aber "hinter den Kulissen", wie der Tierpark schreibt, und zu sehen bekommt man die Vögel erst wieder im Frühjahr. Und so lange tut sich für die Kleinen eine überraschende, völlig neue Welt auf, in der es Affen gibt und Elefanten, Löwen, Pinguine und Giraffen. Dass sich die Farbe Rosa auf Minischweine, Pelikane und Pavianhintern beschränkt, wird freilich nicht allen gefallen.

Doch welche Chance wurde da vertan! So ein Flamingo-Umzug ist ja vermutlich nicht komplizierter, als eine Stehlampe von einem Zimmer in ein anderes zu tragen; am besten wartet man, bis sie schlafen (die Vögel, nicht die Leuchten). Niemand würde eine Stehlampe in den Keller oder auf den Dachboden tragen, man würde doch unbedingt ihre Wirkung auf weitere Räume testen wollen. Wohlan: einen Flamingo neben die Wildsau vor dem Jagdmuseum, fünf in den Fischbrunnen vor dem Rathaus, einen neben den Friedensengel, ein paar ins Werkviertel aufs Dach zu den Schafen und den Rest dekorativ im Englischen Garten verteilen - davon hätten alle etwas gehabt. Und den Flamingos beim Flamingo-Eingang wäre für alle Zeiten ihre kinderanziehende Macht genommen.

© SZ vom 16.09.2021
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