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Münchner Momente:Alles Käse

Am Alten Rathaus hat ein Geschäft eröffnet, das es so andernorts nicht geben dürfte

Kolumne von Thomas Kirchner

Vor einigen Wochen hat ein neues Geschäft am Marienplatz eröffnet, gleich gegenüber dem Alten Rathaus, Toplage. Tausende Menschen kommen hier täglich vorbei, und weil das Geschäft sie optisch überrascht mit seinen Wänden aus goldgelben Käselaiben, marschieren nicht wenige hinein. Dort begrüßt sie eine freundliche Frau, die ihnen eine Scheibe holländischen Käse offeriert. Schmeckt okay, und weil sie gerade Hunger haben oder ein Mitbringsel suchen, kaufen sie halt was: ein Stück Hartkäse aus Ziegen-, Schafs- oder Kuhmilch, mit Basilikum, Knoblauch oder Bockshornklee. Sogar mit Red Hot Chili Pepper wird der Käse offeriert. Ein Geschenkkorb "Vincent" wird für gut 50 Euro angeboten, das "Giftset Delfter Blau Käsehobel und Käsereibe" für etwa die Hälfte. Es laufe ganz gut, bestätigt ein Verkäufer. Sollte es auch, angesichts der Miete.

Laiber über Laiber: Manch einer zückt da gleich das Handy.

(Foto: Stephan Rumpf)

Ein Käseladen - gibt's dagegen was zu sagen? Ja, schon. Es ist nämlich kein Käseladen, wie er etwa auf dem Viktualienmarkt zu finden wäre, mit einem Sortiment von Camembert bis Sbrinz. Bei Cheese & More, wie das Geschäft heißt, handelt es sich um die Vermarktungsfläche des niederländischen Käse-Giganten Henri Willig. Der ist schon in den großen Städten seiner Heimat präsent, verkauft auch online und will jetzt im Ausland wachsen. Mit München oder Bayern haben seine feilgebotenen Produkte nichts zu tun. Ein identischer Laden wie der am Alten Rathaus steht in der Wiener Kärntnerstraße. Er könnte auch in Berlin stehen. Oder in Tokio. Er zielt vor allem auf Touristen.

Laiber über Laiber: Manch einer zückt da gleich das Handy.

(Foto: Stephan Rumpf)

Nun gilt das für allerlei Geschäfte in der Münchner Innenstadt. Der Witz in diesem Fall ist aber, dass ein solcher Laden ausgerechnet in Amsterdam nicht gestattet würde. Nicht mehr, muss man sagen. Denn dort setzte die Stadt, um der zunehmenden Einförmigkeit der Ladenstruktur zu begegnen, Ende 2017 ein Stoppschild: Neue Geschäfte, die sich nur an Touristen richten, erhalten keine Lizenz. Die ersten, die es traf, war die Amsterdam Cheese Company, die von der Art her eine Kopie des Münchner Ladens errichtet hatte. Sie zog vor Gericht, von wegen Gewerbefreiheit. Und verlor, zur Verblüffung vieler. Zwar durfte der Laden am Ende doch eröffnen, weil man die Eigner unfair behandelt hatte. Ansonsten seien solche Verbote aber völlig in Ordnung, hieß es im Urteil des Berufungsrichters, das der Autor dieser Zeilen dem Münchner Stadtrat kostenlos übersetzen würde.

© SZ vom 11.07.2019

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