bedeckt München 20°
vgwortpixel

Münchner Fußgängerzone:Die Narzissen in den Beton-Radmuttern

Mit der Passantenzahl stiegen die Mieten, die so manches alteingesessene Warenhaus bald nicht mehr zahlen konnte. Heute reihen sich hier all jene Filialen aneinander, die man auch aus anderen Städten kennt: Base und Mobilcom, Hela und Douglas, Zero, Zara und Esprit. Austauschbar - finden viele. Fischer sagt: "Natürlich erklären immer alle, sie hätten gern mehr kleine nette Läden. Aber dann gehen sie zum Einkaufen doch in die Filialen."

Zerkratzte Schilder und diverse Verkaufsstände stören das Bild in der Münchner Fußgängerzone.

(Foto: Stephan Rumpf)

Rund um den Richard-Strauss-Brunnen ist der Platz wie leergefegt: Die Michaelskirche wird renoviert, das Bayerische Landesamt für Statistik verschanzt sich hinter den dicken Mauern des einstigen Jesuitenkollegs. Im Frühling blühen hier wieder Tulpen und Narzissen in den Beton-Radmuttern, und wer Glück hat, ergattert dann einen der raren Gitterstühle. Denn auch das bemängeln Geschäftsleute und Besucher: dass es zu wenig Sitz- und Aufenthaltsgelegenheiten gibt und, abgesehen vom Jagd- und Fischereimuseum, auch keine Kultureinrichtungen, die das entsprechende Publikum herbeilocken.

Selbst das Tivoli-Theater, in dem einst Romy Schneider über den roten Teppich schritt, hat kapituliert. Die Kinokasse ist abgerissen, eine Stehleiter steht in der Ecke, Baudreck liegt am Boden. Demnächst eröffnet dort der Flagshipstore einer großen Parfümeriekette.

Was man tun könnte, um in der Fußgängerzone eine gelungene Mischung von kleinen Geschäften und größeren Warenhäusern, von Kultur und Gastronomie zu verwirklichen, damit hat sich Michael Krines beschäftigt. Der Unternehmer und Präsident des Bayerischen Einzelhandelsverbandes sagt: "Es ist in München immer noch besser als in anderen Städten. Aber man sollte vorbeugen, damit mangelnde Aufenthaltsqualität die Fußgängerzone nicht unattraktiv macht. Man braucht den richtigen Mix." Krines' Vision ist die eines "Business Improvement District" (BID): In einem fest umrissenen Areal schließen sich Hausbesitzer zusammen, das Management wird delegiert, die Innenstadt würde zentral verwaltet wie ein Einkaufszentrum.

"Doch das wird eine Vision bleiben", sagt Krines. Abgesehen davon, dass das nötige Landesgesetz, wie es etwa in Hamburg existiert, in Bayern fehlt, dürfte sich in München kaum eine Mehrheit der Hausbesitzer dafür aussprechen, Kompetenzen an ein übergeordnetes Management abzugeben. "Die Besitzer müssten die Hoheit über ihre Mieter abgeben", sagt Krines. Andererseits: Wären sie dazu bereit, würden sie profitieren. "Ein Einkaufszentrum oder eine Fußgängerzone lebt von der Vielfalt", sagt Krines.

Doch auch ohne zentrales Management ist man sich einig: Nun, da 2012 der 40. Geburtstag der Fußgängerzone ansteht und 2018 womöglich Olympia, wäre es an der Zeit, die Kaufinger und Neuhauser Straße aufzupolieren. "Es muss was getan werden", sagt Reimund Baumheier an die Adresse der Stadt, "und wir Geschäftsleute wären bereit, mitzuarbeiten". Es reiche nicht, sich selbstzufrieden zurückzulehnen und zu sagen: Die Leute kommen doch eh. "Warum nicht kleine Bühnen für Straßenmusiker, hübsche Bänke zum Verweilen, einheitliche Marktstände und ein durchgängiges Lichtkonzept einrichten?", fragt der Kaufhof-Chef.

Auch Flori Schuster sieht Verbesserungsbedarf, vor allem bei den fliegenden Händlern. "Ein Mandelstand weit weg vom Christkind ist ein Fremdkörper, der von niemandem vermisst würde", sagt er. Und Wolfgang Fischer ergänzt: "Man könnte an den Hochschulen einen Gestaltungswettbewerb ausschreiben." Die Geschäftsleute drängen auf Verschönerung. "Ja, wir wollen eine überarbeitete Fußgängerzone haben", sagt Baumheier. Dann holt er ein Kalenderblatt von der Pinnwand, das er für seine Mitarbeiter aufgehängt hat. "Die Vergangenheit sollte ein Sprungbrett sein, nicht ein Sofa", steht darauf. "Im Moment", sagt er, "sitzt München auf dem Sofa."