Münchens Wirtschaftsgeschichte: Die Stadtplanung:Der Sprung nach vorn

Die Olympischen Sommerspiele von 1972 ließen Visionen in kurzer Zeit Wirklichkeit werden

Von Alfred Dürr

Damals herrschten in München noch Euphorie und Aufbruchstimmung, heute dominiert Skepsis und Nein-Mentalität. Großereignisse, zum Beispiel Olympische Spiele, kommen in weiten Teilen der Bürgerschaft nicht mehr an. Solche Mega-Events vertrügen sich nicht mit den Prinzipien einer nachhaltigen Stadtentwicklung, sagen Kritiker. Von einem großen gesellschaftlichen und ökonomischen Sprung nach vorn, der durch solche Aufsehen erregenden Veranstaltungen ausgelöst würde, könne keine Rede sein.

Damals war das anders. Damals, das war die zweite Hälfte der Sechzigerjahre, als sich München auf die Olympischen Sommerspiele 1972 vorbereite. 1966 hatte die Stadt den Zuschlag erhalten. München stand vor einer umfassenden Modernisierung, vor einer Zeitenwende. Die Wiederaufbauphase nach dem Krieg war weitgehend abgeschlossen, die Einwohnerzahl stieg kräftig, und die Autos stauten sich auf den engen Straßen der Altstadt.

Eine Art Kursbuch sollte den Weg Münchens in die Zukunft festlegen. Das Konzept für die geordnete Gestaltung der Boomtown lag in Form des ersten Stadtentwicklungsplans bereits vor. Die Entscheidung für München als Austragungsort der Sommerspiele wirkte wie ein Katalysator, ein Beschleuniger. Visionen konnten nun rasch Wirklichkeit werden, und das Geld, um die einzelnen Punkte des Plans umzusetzen, floss. Planungsprozesse, die sonst ewig dauern, bekamen Dynamik. Die Zeit, die es brauchte, um das U-Bahn- und S-Bahn-System auszubauen, um die Fußgängerzone in der Innenstadt einzurichten, um neue Wohnungen und Straßen zu bauen, verkürzte sich deutlich. Eine neue Infrastruktur entstand in Rekordzeit.

Besonders der bis dahin wenig attraktive Münchner Norden, der von Kläranlagen, Mülldeponien, öden Freiflächen, Fabriken und Kasernenarealen geprägt war, wurde durch den Bau der Sportstätten enorm aufgewertet. Das Oberwiesenfeld - ein ehemaliger Flugplatz - wandelte sich zum Olympiapark. Diese einzigartige Landschaft mit ihren architektonisch herausragenden Bauwerken ist ein Anziehungspunkt für Einheimische und Gäste der Stadt geblieben.

Die Olympischen Spiele von 1972 hätten München gutgetan, zieht Altoberbürgermeister Hans-Jochen Vogel (SPD) heute Bilanz. In seiner Amtszeit von 1960 bis 1972 war das Planungsziel für München formuliert worden. Drei Leitlinien prägten diese Periode: eine verbesserte Infrastruktur, die Expansion der Wirtschaft und der Bau von Trabantenstädten, um die Wohnungsnot zu bekämpfen - ein Problem, das München im Grunde seit seiner Gründung verfolgt, das die Stadt aber besonders seit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert vergeblich versuchte, in den Griff zu bekommen. Nicht alles , was in den Sechzigerjahren geplant wurde, hält dabei heutigen Maßstäben stand: So steuerten die Planer die Entwicklungen mehr wie Ingenieure als wie Gestalter. Die Ideologie stetigen Wachstums wurde nicht kritisch hinterfragt, der stetig zunehmende Verkehr galt als hinzunehmendes Naturgesetz und war allenfalls besser zu organisieren. Soziale Fragen und der Umweltschutz spielten kaum ein Rolle.

Baustelle am Stachus in München, 1967

1967:Die Straßenbahn fährt quer durch die Altstadt, durch die Kaufinge und das Karlstor. Die Trasse wurde 1968 stillgelegt.

(Foto: dpa)

Es waren die Bürger, die auf begehrten, vor allem gegen die Vorstellung einer "autogerechten Stadt". Der Protest richtete sich aber nicht nur gegen Straßenschneisen, die das traditionelle Stadtbild zu zerstören drohten. Auch steigende Bodenpreise und Mieten, die dazu führten, dass die Wohnbevölkerung aus der Innenstadt verdrängt wurde, führten zu Unmut. Die Bürger wollten stärker an den Planungen beteiligt werden - und diesen Anspruch versuchte Hans-Jochen Vogel einzulösen.

Die Politiker mussten umdenken. Denn auf die Euphorie, die die Spiele von 1972 ausgelöst hatten, folgte schnell die Ernüchterung. Die prächtige Wachstumsphase, die auch die Olympischen Spiele auslösten, war mit der Ölkrise von 1973 und dem Einbruch der Konjunktur vorbei. Auswirkungen zeigten sich sogar im Immobilienbereich. Die überhitzte Baukonjunktur produzierte Wohnungshalden.

Nach Hans-Jochen Vogel kam Georg Kronawitter (SPD) als Oberbürgermeister. Der Stadtentwicklungsplan aus dem Jahr 1963 wurde neu aufgelegt - diesmal allerdings mit veränderten Vorzeichen. Es galt, sich mit den Folgen der Stagnation auseinanderzusetzen. Die wirtschaftskritischen Signale der international orientierten Organisation Club of Rome, die in dem Buch "Die Grenzen des Wachstums" zusammengefasst waren, kamen bei Bürgern und Planern gut an. Im Mittelpunkt des Stadtentwicklungsplans sollte nun das gesellschaftspolitische Leitbild von der "Stadt im Gleichgewicht" stehen, das allen möglichst viel Lebensqualität bringen sollte.

1978 vollzog sich ein Machtwechsel im Rathaus: Erich Kiesl (CSU) wurde Oberbürgermeister. Doch auch danach bestimmten Krisen die wirtschaftliche Entwicklung Münchens. Ein anspruchsvolles Bau- und Gewerbeprogramm sollte der Wohnungsnot und der wachsenden Arbeitslosigkeit begegnen, löste die Probleme aber nicht. Günstige Wohnungen fehlten, die Schlangen vor dem Vergabebüro für Sozialwohnungen wurden nicht kürzer.

Erst 1990 - Georg Kronawitter hatte 1984 seine zweite Amtsperiode als Oberbürgermeister angetreten - wurde ein neuer Stadtentwicklungsplan in Auftrag gegeben. München boten sich wieder interessante Entwicklungschancen: Bahn und Post stellten nicht mehr benötigte Flächen zur Verfügung, die Bundeswehr zog sich aus Kasernen zurück. Die Flächen bargen ein Riesenpotenzial. Der Flughafen zog um, dann auch die Messe. Moderne Stadtquartiere konnten entstehen.

Feierabendverkehr in München in den 1960er Jahren

München ohne U-Bahn: die Schwanthalerstraße in den Sechzigern.

(Foto: Horst Müller/dpa)

Das Schlagwort von der "neuen Gründerzeit" wurde heftig diskutiert. Vor allem Kronawitters Bild von der Stadt als einem überhitzten Dampfkessel, der sich im zunehmenden Konkurrenzkampf der Metropolen nicht an zusätzlichen Arbeitsplätzen und einem ungebremsten wirtschaftlichen Wachstum berauschen dürfe. "Die Menschlichkeit kommt vor der Rendite" lautete ein Slogan Kronawitters. Mit einer solchen wirtschaftsfeindlichen Haltung gerade die Stadt ins Hintertreffen, urteilten dagegen seine Gegner.

Kronawitters Nachfolger und Parteifreund Christian Ude wollte sich das Dampfkessel-Bild als Oberbürgermeister dann auch nicht zu eigen machen. Für ihn galt es, die Arbeitsplätze von morgen zu sichern, andererseits dürften aber nicht zu viele Jobmaschinen die Münchner Wohnungs- und Mietprobleme verstärken. Die beiden Märkte auszubalancieren sei eine ständige Aufgabe, die in jeder Entwicklungsphase der Stadt neu gelöst werden müsse. Diesem politischen Ziel folgt auch Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD), Udes Nachfolger. Immobilienspekulationen und Luxussanierungen sind für Bürger, Politiker und Planer nach wie vor ein zentrales Problem. Wenn Hans-Jochen Vogel sagt, der Entwicklungsschub der Olympischen Spiele habe der Stadt bis heute gutgetan, ist das nur ein Teil der Wahrheit. Denn die hohe Attraktivität der Stadt stellt die Planer vor enorme Herausforderungen. Immer mehr Menschen wollen nach München ziehen. Doch wo ist Platz für Wohnungen, die bezahlbar sind ? Wie reagiert man auf ständig steigende Immobilienpreise und Mieten? Auch mehr als 40 Jahre nach den Olympischen Spielen stellen sich alte Fragen immer wieder neu.

Aus dem weltbekannten Sportareal im Münchner Norden ist zum Glück kein lebloses Museum geworden. Die Anlage ist ein Schatz für die Stadt - doch als solcher muss sie gehegt und gepflegt werden, und diese Aufgabe hat ihren Preis. Der Aufwand, den die Steuerzahler für den Unterhalt des Parks mit seinen Bauwerken leisten müssen, ist erheblich. Solche Spätfolgen sind mit ein Grund dafür, dass die Münchner Mega-Events wie Olympische Spiele heute mit Unbehagen sehen.

In der nächsten Folge am Montag: Wie Siemens nach dem Zweiten Weltkrieg ganz München prägt

© SZ vom 12.09.2015
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