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Münchens bekanntestes Denkmal:Zu Kopf gestiegen

Seit 1850 thront die Bavaria, die weltliche Patronin des Freistaates, hoch oben über der Theresienwiese - und fasziniert die Besucher mit ihrem Innenleben.

Von Andrea Schlaier

Diese Frau heizt allen ordentlich ein. Was auch immer sie sich gerade denkt, hinter ihrer knallharten Stirn, im von der Temperatur verwöhnten Sommer 2015. Es treibt den Menschen in ihrer unmittelbaren Nähe den Schweiß aus sämtlichen Poren. Selbst schuld, könnte man diesen Zeitgenossen entgegenhalten. Wer sich in anderer Leute Hirn breitmacht, braucht sich über die Konsequenzen nicht zu beklagen. So ist das halt, wenn man der mächtigsten Frau des Freistaates zu Kopf steigt - und eben der aus fast nichts anderem als dem Wärmeleiter Kupfer besteht.

Es gibt weit und breit keine kolossalere Figur als die bronzene Bavaria, die der romantische Patriot Ludwig I. im Jahre 1850 auf die Anhöhe über der Theresienwiese hat stellen lassen. Das Sinnbild Bayerns misst 18,52 Meter - und bis heute kann man sich dank der 118 sehr schmalen und sehr ausgetretenen Stufen in ihrem Innern bis nach oben wendeln, dorthin, wo ihr Haupt Besuchern aus der ganzen Welt Einlass und Aussicht gewährt. Und das sehr komfortabel, muss man sagen: zwei Bänke mit angetäuschtem Bronze-Plüsch, zwar metallisch hart und jahreszeitlich bedingt deutlich temperiert, aber als Geste für, sagen wir, maximal fünf erwachsene Menschen, durchaus großzügig.

Im Hals wird's eng, Besucher müssen sich winden

Und doch ist die Gunst, Münchens bekanntestes Denkmal zu erklimmen, nicht allen gewährt. Peter Roeber, der die Kasse zu Bavarias Füßen bewacht, würde sich keinem in den Weg stellen, aber deutliche Warnungen gibt er gleichwohl aus. Wer klaustrophobisch, höhenängstlich oder herz- und kreislaufschwach sei, sollte der Dame, die Leo Klenze erdacht, Ludwig Schwanthaler gussreif entworfen und Ferdinand von Miller letztlich in Form gebracht hat, besser vom steinernen Sockel aus huldigen. "Zu beleibt sollten die Leute auch nicht sein", schiebt Roeber noch nach. Schließlich müssen sich die Besucher an der Engstelle des 78 Tonnen schweren Wahrzeichens, dem Hals der Bavaria, amazonenhaft um die eigene Achse winden, um schließlich klimmzugartig nach oben zu gelangen in den mächtigen Hohlraum unterm Haarkranz. 33 000 Menschen haben das allein 2014 geschafft.

Unter den Stirnlocken dieses bronzenen Meisterwerks, das aus dem Erz türkischer Kanonen gegossen sein soll, eröffnet sich durch kleine Luken ein himmlisch weiter Blick über die Theresienwiese, bis hinüber zum Wetterturm des Deutschen Museums und der mächtigen Maximilianskirche im Glockenbachviertel. Außerdem hat die Aussicht auf das im Sommer einsetzende Wachsen der Wiesn und seiner Aufbauten von hier aus etwas sehr Erhabenes. Und zugleich ist man tröstlich entrückt, weil einen das Antlitz der Schönen gewissermaßen als Negativ auch im Kopf milde anblickt. Peter Roeber ist seiner stummen Dienstherrin aufrichtig zugetan: "Dass die Bavaria im Krieg stehen geblieben ist, ist für mich ein Zeichen, dass der Himmel auf sie aufpasst."

Die Aussichtsplattform im Kopf der Bavaria ist von 1. April bis 15. Oktober jeweils von 9 bis 18 Uhr geöffnet, während des Oktoberfestes bis 20 Uhr. Der Eintritt kostet 3,50 Euro.

© SZ vom 29.08.2015/angu

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