Schmuck:Aus Konkurrenten wurde Freunde

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zu Schmuckwoche von Ira Mazzoni

Künstlerische Reflexionen der Pontoppidan-Klasse "Schmuck und Gerät" über einen stummen Diener, der im Haushalt immer zu Hand ist: der Haken.

(Foto: Klasse für Schmuck und Gerät / oh)

Reisebeschränkungen, ausgefallene Messen und abgesagte Ausstellungen brachten einige Münchner Galerien dazu, eine Initiative für eine sommerliche Schmuckwoche zu gründen. Doch die "MUC Schmuck" will mehr: Sie will auch die Zukunft des Autorenschmucks in München sein.

Von Ira Mazzoni, München

Es ist Sommer. Die Stadt ist wieder offen für Entdeckungen, die man in den eigenen vier Wänden und am Bildschirm nicht machen kann. Es ist Zeit, wieder über Kunst ins Gespräch zu kommen und über jene Sparte, die in München Anfang der Neunzigerjahre "Autorenschmuck" getauft wurde. In Anlehnung an das Autorenkino wird damit Schmuck bezeichnet, der von der Idee bis zur Fertigung eine künstlerische Handschrift trägt. Und obwohl "Autorenschmuck" eine ureigene Münchner Geschichte ist, sind die Künstler und ihre Werke in dieser Stadt immer noch weitgehend unbekannt. Das soll sich ändern.

In diesem zweiten Covid-Sommer gilt es viel nachzuholen und viel voraus zu planen. Die seit fast 30 Jahren auf Schmuckkunst spezialisierte Galerie Biró und Maurer-Zilioli Contemporary Arts haben sich spontan zusammengetan, um eine sommerliche Schmuckwoche zu etablieren. Start ist Dienstag, 20. Juli.

"MUC Schmuck" - der von den Studierenden der Klasse Schmuck und Gerät an der Akademie der bildenden Künste für die laufende Ausstellung im Münchner Stadtmuseum geprägte Titel - wird im allseitigen Einverständnis als Label übernommen. "MUC", das Kürzel für den Münchner Flughafen, macht deutlich, dass München schon lange internationale Drehscheibe in Sachen Schmuck ist. Von hier aus ging Autorenschmuck in alle Welt, und umgekehrt kommen junge Menschen und Künstler hierher, um an der Akademie zu studieren oder ihre neuen Werke im Kontext zu präsentieren.

So eine Geschichte lässt sich nicht einfach abhaken

Es gibt viele Gründe, mit MUC Schmuck jetzt zu starten, solange die Ausstellung im Stadtmuseum läuft. Die Internationale Handwerksmesse mit ihren Sonderschauen Schmuck und Talente musste im März zum zweiten Mal entfallen. Durch die pandemiebedingten Reisebeschränkungen und die Schließung von Museen und Galerien entfielen auch die korrespondierenden Events in der Stadt. Wer weiß, wie es im nächsten März aussehen wird. Eine zusätzliche Schmuckwoche im Sommer, speziell für das heimische Publikum, kann die Szene nur bereichern. Sie soll von nun an jedes Jahr parallel zu der Jahresausstellung der Akademie der Bildenden Künste stattfinden. Und die Initiatorinnen hoffen auf viele kollegiale Mitstreiter.

Zunächst sah es auch so aus, als ob diese Jahresausstellung wieder ausfallen müsse. Das Akademiegebäude sollte aufgrund strenger Hygienekonzepte für die Öffentlichkeit geschlossen bleiben. Karen Pontoppidan, Professorin für Schmuck und Gerät, suchte nach alternativen Präsentationsmöglichkeiten für Ihre Studierenden und fand in der winzigen Galerie Biró bei Olga und Kinga Zobel Bereitschaft zum inszenatorischen Wagnis.

So feiert die erste Sommer-Schmuck-Woche MUC Schmuck mit der hintersinnigen, widersprüchlichen Abschlussarbeit der Klasse Schmuck und Gerät ihre Premiere. Für die Ausstellung "Yes" sollten sich die Studierenden Gedanken über ein gewöhnlich unter durchschnittlich 10 000 Haushaltssachen übersehenes, aber jederzeit hilfsbereites "Gerät" machen: den Wandhaken. Dass es bei dem auch konsumkritischen Thema mehr als einen Haken gibt, versteht sich von selbst.

zu Schmuckwoche von Ira Mazzoni

Die bunten Haken von Patrick Graf sind aus Plastik geformt, das in den Mägen von Albatrossen und Sturmtauchern gefunden wurde, die zwischen 2018 und 2020 daran verendet sind.

(Foto: Klasse für Schmuck und Gerät / oh)

So erzählen die wandschmückenden Stücke vor allem durch ihr Material und dessen künstlerische Bearbeitung komplexe Geschichten im Kleinformat. Nora Reitelhöfer knickt ihre feinen Bronzenadeln und verweigert sich mit dem Titel: "Das Produktdesignstudium habe ich abgebrochen." Patrik Graf präsentiert bunte Plastikhaken, die aussehen, als habe ein Kind Köpfe von Rüsseltieren mit Fimo geformt - aber das niedlich bunte Etwas besteht aus geschmolzenen Plastikrückständen, die in den Mägen toter Albatrosse und Sturmtaucher gefunden wurden. So eine Geschichte lässt sich nicht einfach abhaken.

Die Premierenausstellung Schmuck - Zeit von Ellen Maurer Zilioli im Kunstbüro Reillplast mit internationalen Schmuck-Künstlern musste kurzfristig krankheitsbedingt abgesagt werden. Umso mehr Aufmerksamkeit bekommt das abschließende sonntägliche Sommerevent, das Kinga Zobel in Kooperation mit Susan Boutwell entwickelt hat: Im Kontrast zu den abgrundtiefschwarzen Aquatinta-Grafiken von Stefanie Hofer, die derzeit die Räume der Galerie Boutwell Schabrowsky bestimmen, werden ausschließlich weiße Schmuckstücke körperbezogen präsentiert. Die Münchner Textildesignerin Stephanie Kanau sorgt dabei für die sensuell stofflichen Grundlagen, um Autorenschmuck zwischen 11 und 15 Uhr live zu erleben. Getragen werden unter anderem nahtlose Gussketten von Peter Bauhuis, aus Plastik-Schuppen zusammengenähte Broschen von Karen Roy-Andersson oder Porzellan-Schmuck von Selen Özus.

Die Kooperation mit der Galerie Boutwell Schabrwosky zeigt, welche Wirkmöglichkeiten Autorenschmuck durch MUC Schmuck erhalten kann. Das Zusammenwirken weiterer Akteure wird über den Erfolg der Initiative entscheiden.

MUC Schmuck, eine Woche Schmuck für München, diverse Orte, 19.-25. Juli

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