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München:Flugzeuge im Bauch

34 000 Menschen folgen dem YouTube-Kanal "FlightExperience" von Nikolas Lediger (links) und Lukas Bauer.

(Foto: Anastasia Trenkler)

Lukas Bauer und Nikolas Lediger machen Videos über Flieger

Von Anastasia Trenkler

London, Paris, Bangkok, Miami und noch viele andere Städtenamen sind auf der großen Anzeigetafel zu lesen. Lukas Bauer, 19, und Nikolas Lediger, 21, stehen im Terminal 2 des Münchner Flughafens und studieren die Abflugzeiten. Viele dieser Städte kennen die beiden bereits. Lukas und Nikolas verbringen mehr Zeit in Flughäfen und Flugzeugen als durchschnittliche Studenten. Man könnte sogar sagen, dass sie ein richtiges Jetset-Leben führen; oder sie als Influencer bezeichnen. Auf ihrem Instagram-Account zeigen die beiden allerdings keine hübschen Bilder von sich oder machen Werbung für teure Uhren. Dort sind ausschließlich Flugzeuge zu sehen. Flugzeuge von innen und von außen. Hin und wieder sind da noch Bilder von Bordverpflegung in Aluminium-Verpackung. Diese Fotos sollen auf ihren YouTube-Kanal "FlightExperience" aufmerksam machen, dem mehr als 34 000 Menschen folgen.

Nikolas und Lukas sind Flugzeug-Fanatiker, so genannte "Aviation Geeks". "Schon als Kind fand ich fliegen toll. Kaum angekommen, konnte ich meist den Rückflug gar nicht mehr erwarten", meint Lukas. Das änderte sich auch nicht, als die beiden älter wurden. Während sich andere Jugendliche für Rap oder Mode interessierten, teilten sie die gemeinsame Leidenschaft fürs Fliegen. "Ich kann gar nicht wirklich erklären, was ich daran so toll finde. Es ist einfach ein schönes Gefühl in ein Flugzeug zu steigen und dann weg zu sein", sagt Nikolas.

Der 21-Jährige studiert Geografie an der LMU. Lukas belegt momentan Philosophie und Soziologie. Die beiden kennen sich seit der gemeinsamen Schulzeit in Wasserburg am Inn. 2014 gründeten sie ihren YouTube-Kanal. Das erste Video dauert etwa eine halbe Stunde und zeigt verwackelte Aufnahmen unterschiedlicher Flugmaschinen, die von den Startbahnen des Flughafens München abheben. Diese Art Videos werden Planespotting genannt. "Wir konnten uns gar nicht erklären, warum wir für unser erstes Video überhaupt Klicks bekommen haben", sagt Lukas und schüttelt den Kopf. "Das war echt furchtbar, das sieht heute hoffentlich keiner mehr", fügt Nikolas hinzu. Keiner der beiden hatte Erfahrung mit Dingen wie Kameraführung oder Schnitt. "Wir sind zum Flughafen gefahren, haben einige Stunden gefilmt, das Material dann mit einem kostenlosen Programm bearbeitet und hochgeladen", sagt Nikolas. Nur wenige Tage später hatte das Video mehrere hundert Aufrufe. Dann folgten erste Abonnenten. "Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich durch die Schule gelaufen bin und stolz von unseren 48 Abonnenten erzählt habe", sagt Lukas und fängt an zu lachen.

Als Nikolas 18 Jahre alt wurde, fingen die beiden an, Werbung bei YouTube zu schalten und ihr erstes Geld zu verdienen. Zu dieser Zeit spezialisierten sie sich auf Reiseberichte. In diesen Videos geht es darum, den Zuschauer auf bestimmte Flüge mitzunehmen und die Fluglinie nach Kriterien wie Beinfreiheit, Essen und Ausstattung zu bewerten. Von den Fluganbietern selbst werden sie dafür nicht bezahlt. "Viele Zuschauer interessieren sich für den Service an Bord", sagt Lukas. "Dabei spielt häufig die Filmauswahl auf Langstreckenflügen eine große Rolle. Wir dagegen schauen lieber aus dem Fenster." Mit den YouTube-Einnahmen kauften sie besseres Kamera-Equipment und neue Flugtickets. "Die ganze Sache ist zu einer Art Selbstläufer geworden. Bis heute stecken wir jeden Euro, den wir durch den Account verdienen, in die Refinanzierung des Kanals", sagt der Philosophie-Student. "Das ist eigentlich ein Traum", meint Nikolas. "Wir verdienen Geld mit dem Fliegen und geben das dann wieder dafür aus."

Die beiden können viele Anekdoten aus ihrem Reiseleben erzählen. Wie etwa ein Betrunkener mal Schokolade an Bord verteilt hat, oder Nikolas wegen einer Magen-Darm-Erkrankung, die er sich damals in Thailand einfing, zum Flughafenarzt musste. In den vergangenen vier Jahren haben sie über 400 Videos hochgeladen. Das beliebteste hat über 881 000 Aufrufe. Früher nahmen sie die Kamera mit in den Familienurlaub, heute können sie sich dank dem YouTube-Kanal mehrere Flüge im Jahr leisten. Ihr ökologischer Fußabdruck muss erschreckend groß sein. "Was wir hier machen, ist mit Sicherheit nicht umweltfreundlich. Das braucht man auch gar nicht klein zu reden", sagt Lukas. "Für mich ist das Fliegen eine Leidenschaft, da versucht man solche Gedanken zu verdrängen, was selbstverständlich nichts entschuldigt", meint Nikolas. Es wird für einige Sekunden still, als die beiden stumm zu Boden starren.

Man möchte ihnen glauben, wenn sie sagen, dass ihnen der Umwelt-Aspekt nicht egal sei. So richtig rechtfertigen können sie sich allerdings nicht. Wenn Lukas und Nikolas von ihrem Kanal, Lieblingsflugzeugmodellen und ihren Reisen sprechen, wirken sie euphorisch, aber immer bodenständig. In ihren Videos sind sie selten zu sehen. "Schließlich soll das Fliegen im Fokus stehen", sagt Lukas. "Mein Gesicht möchte ich da nicht dazwischen quetschen." Beide spielen seit längerem mit dem Gedanken, ihr Hobby mit dem späteren Beruf zu verbinden. Als Jugendlicher wollte Nikolas Pilot werden. Wegen seiner Sehschwäche sei ihm das aber nicht möglich. "Selbst für den Job als Flugbegleiter sind meine Augen zu schlecht", sagt er und nimmt die Brille mit den starken Gläsern ab. Nach einem Abschluss in Geografie sei es aber durchaus möglich, in die Tourismus-Branche einzusteigen.

Auf der Rolltreppe zum Eingangsbereich schaut Nikolas kurz auf sein Handy. Ein Fan habe gerade gefragt, ob sie am Flughafen München seien. "Wir bekommen häufiger Nachrichten auf Instagram", sagt Lukas. "Manchmal sind auch sehr junge Zuschauer dabei, die uns nach Tipps für ihren eigenen Kanal fragen oder uns Komplimente machen." Gemeinsam beantworten sie die Nachrichten und sprechen über die ein oder andere Begegnung mit Zuschauern in unterschiedlichen Flughäfen. Auch wenn die beiden keine typischen Influencer sind, Fan-Nachrichten und Zuschauer-Fragen scheinen auch ihnen nicht fremd zu sein.

© SZ vom 09.07.2018
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