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München:Die Letzten sollten die Ersten sein

Nur knapp am Sieg vorbeigeschrammt: Die Münchner Band "Mila Masu" musste sich beim Wettbewerb mit Platz zwei begnügen.

(Foto: Johannes Kliemt)

Lauter Gewinner: Bei einem Nachwuchsfestival im Circus Krone werden die Sieger für das "Rockavaria" auf dem Olympiagelände gekürt

Von DIRK WAGNER

Nachwuchsbands erkennt man daran, dass Journalisten sie jederzeit interviewen dürfen. Und Fotografen müssen ihnen keine Bildrechte überlassen, wie das etablierte Musiker schon mal verlangen, wenn Bildjournalisten die ersten zehn Minuten eines Auftritts visuell dokumentieren wollen. Außerdem kassieren etablierte Musiker für ihren Auftritt Gage, während Nachwuchsbands ihre Auftritte nicht selten auf Bandwettbewerben gewinnen. Mehr als 500 Newcomer bewarben sich in diesem Jahr für einen Auftritt auf Rockavaria, einem Festival im Olympiapark, das unter anderen Kiss, Muse und Metallica präsentiert. Gut 42 000 Menschen wählten im Internet zehn Bands aus, die nun in zehnminütigen Auftritten im Circus Krone eine vierköpfige Fachjury, bestehend aus Journalisten, Musikern und Veranstaltern, überzeugen durften.

Da der Eintritt, den die Zuschauer für diesen Wettbewerb im Circus Krone zahlten, den Aufwand kaum refinanziert, sicherte der wahrscheinlich nur die Möglichkeit, mit Verlosungen von Eintrittskarten den Wettbewerb und damit indirekt auch Rockavaria zu bewerben. Den zehn Bands war der Auftritt in jenem rockhistorisch bedeutenden Ort, wo schon die Beatles Geschichte schrieben, natürlich allein schon ein Hauptgewinn. Entsprechend motiviert zog bereits die erste Band, Vermillion aus München, um kurz nach 19 Uhr die ganz große Show ab. Der Sänger begrüßte die recht übersichtliche Zuschauermenge in einer Art, als stünde er bereits vor tausenden Festivalbesuchern. Prompt verwandelte er die Menschenansammlung vor der Bühne in ein Rock-Publikum, das sodann auch alle anderen Bands als überraschend bühnenerfahren erleben durfte.

Als aber die Münchner Formation Lem Motlow einen Hardrock auftischte, der bis zu den Waden im Bluesrock sumpft, derweil ab der Taille schon ein bisschen Glamrock aufblinkt, beobachtete wohl auch die Fachjury im Publikum einen Wechsel von Begeisterung zur Ekstase. Zusammen mit der österreichischen Coreband Tuxedo, die im volksmusikalischen Gewand samt riesiger Kuhglocke auf der Bühne mit Hochdruckgitarren und glühenden Stimmbändern sprichwörtlich die Rocksau schlachtete, gewann Lem Motlow auch verdientermaßen den Auftritt auf dem Rockavaria-Festival, wo man sie eigentlich schon anstelle des einen oder anderen Headliners spielen lassen könnte.

Der dritte Newcomer wurde Tage später auf einem Contest im Münchner "Hard Rock Café" am Platzl ermittelt. Diesmal spielten nur drei Bands, die allerdings gleich 30 Minuten stemmen mussten. Wieder beobachtete eine Fachjury den Wettbewerb und entschied per Punktevergabe den Sieger. Anders als im Circus Krone durften im Hard Rock Café aber auch Zuschauer die Bands bewerten. Witzigerweise bestätigte dann die steigende Qualität der Konzerte die Reihenfolge der Bands, so dass geradezu biblisch die letzten die ersten wurden und Toys Get Lost also mit ihrer energetischen Rockshow Auftritt auf Rockavaria gewann.

Was dann aber im Hard Rock Café passierte, ist an würdevollem Umgang mit jungen Talenten kaum zu überbieten. Nachdem die Sieger zusätzlich zum Rockavaria-Auftritt einen Scheck von 1000 US-Dollar als Preis für den internationalen Hard-Rock-Café-Wettbewerb "Hard Rock Rising" überreicht bekamen, in welchem sie jetzt übrigens immer noch in einer weiteren internationalen Runde wetteifern, suchten alle Musiker den Kontakt zu den Juroren, mit denen sie offen ihre Stärken und Schwächen besprachen.

"Wir haben es immerhin bis hierhin geschafft" betonen Chis K, weshalb es keinen Grund gibt, sich über den dritten Platz zu ärgern, während Mila Masu sich fragen, warum sie zwar mit gerade einem Punkt Rückstand nur Zweite sind, nachdem doch alle ihnen gegenüber verlauten ließen, man habe sie eigentlich als die Gewinner gesehen. "Macht doch nichts," sagt ein Juror, der für ein großes Musiklabel arbeitet,und lobt sie: "Das Tolle an der Band ist ja, dass sie eine Band ist. Am Songwriting kann man schließlich arbeiten, aber so ein Zusammenspiel von Gleichgesinnten ist ein Glückstreffer." Mila Masu werden demnächst ihr bereits aufgenommenes Album auf den Markt bringen, und ein anderer Juror, der einen Musikverlag betreibt, meldete gleich Interesse an. Wer mag da noch von Verlierern reden?

© SZ vom 16.04.2015

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