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München:Das Jahr der 13 Monde

Spirit of Fassbinder Conspiracy von Anna McCarthy (im Vordergrund Paulina Nolte)

Starlets mit Atemmasken: In ihrem Film "Spirit of Fassbinder Conspiracy" lässt Anna McCarthy junge Frauen in wehenden Gewändern als Geisterbeschwörerinnen auftreten. Gedreht wurde am Geburtsort des Regisseurs in Bad Wörishofen.

(Foto: Stefane Barnes/oh)

Mit einem Stream feiern Künstler den 75. Geburtstag von Rainer Werner Fassbinder. Ursprünglich waren kurze, schnellproduzierte Bühnenstücke geplant, nun ist ein Online-Benefiz-Event zugunsten der Münchner Kultur-Kinos daraus geworden.

Annette Paulmann hat wenigstens einen Hund, der ihr zuhause Gesellschaft leistet, während das kulturelle Leben weitestgehend heruntergefahren ist: keine Konzerte, kein Theater, keine Jahrestage. Nun sitzt die Münchner Schauspielerin also daheim, um eine mit sechs filmischen Miniaturen von sieben Künstlern bestückte virtuelle Feierlichkeit zu moderieren. Anlass ist der 75. Geburtstag von Regisseur Rainer Werner Fassbinder. Zu sehen ist das Ganze an diesem Sonntag, 31. Mai, per Stream über die Website www.fassbindertage.de. Initiiert wurde die Geburtstagsfeier von der Münchner Theaterfrau Andrea Funk. Eigentlich sollten es die mittlerweile dritten Fassbinder-Tage werden, mit 30-minütigen, schnell produzierten Bühnenarbeiten. "Quick and dirty", so das Motto in Anlehnung an das Arbeitspensum, die Experimentierfreude und die Konsequenz, mit der Fassbinder selbst seine Projekte vorantrieb.

Nun aber herrscht Corona, und alles ist anders. Die feierliche Würdigung komplett abzublasen, war für Funk keine Option - allein schon wegen Fassbinders eigener "Furchtlosigkeit, auch vor dem Scheitern". Außerdem hatten sich die Künstlerinnen und Künstler schon "warmgelaufen" und waren allesamt bereit, unter der Überschrift "Fassbinder zum 75." spontan und ohne Honorar kurze Filme für ein Online-Benefiz-Event zugunsten der Münchner Kultur-Kinos beizusteuern. Und auch Moderatorin Annette Paulmann samt Hund sagte sofort zu: "Klar mache ich das, weil ich das Kino liebe."

Entstanden sind die sehr individuellen Beiträge dieser Fassbinder-Hommage, ohne jegliche Vorgaben, in den vergangenen Wochen und Tagen aus einem Zustand der Beschränkung, des Zurückgezogenseins und zuweilen auch der Einsamkeit heraus:

Emre Akals Film bildet die von häuslicher Gewalt geprägte, klaustrophobische Krisen-Realität einer in der Distanzlosigkeit eines hermetischen Raums gefangenen Familie ab. Anna McCarthy und Christian Wagner drehten ihre Beiträge in Fassbinders Geburtsort Bad Wörishofen. Wagner inszenierte dort unter Mitwirkung der Schauspielerin Traute Hoess, die schon in "Berlin Alexanderplatz" und "Lili Marleen" spielte, die Dreharbeiten eines indischen Filmteams, das in den Siebzigerjahren einen Dokumentarfilm über den Regisseur produziert.

Der Schauspieler Michele Cucioffo rezitiert für sein filmisches Geburtstagsgeschenk in der Abgeschiedenheit seiner Wohnung aus dem Fassbinder-Film "In einem Jahr mit 13 Monden". "Ich war nämlich seit Monaten nicht mehr draußen", erzählt er. "Aber glauben Sie mir, Sie wissen gar nichts, im Gegenteil. Man fällt bloß nicht mehr auf das Märchen herein, es gäbe ein wirkliches Leben auf einer wirklichen Welt und dieses wirkliche Leben wäre bedeutender als zu lieben. Ach, was soll's, natürlich ist mir klar, dass man kaum eine Chance hat - was auch immer aus einem hätte werden können, wenn man sie gehabt hätte, diese Chance."

Isolation und Freiheit sind die derzeit viel strapazierten Begriffe, wobei man nie so genau weiß, was eigentlich konkret damit gemeint ist. Im künstlerischen Kosmos des Rainer Werner Fassbinder fand das, was jetzt so neu daherkommt, von jeher in den unterschiedlichsten Spielarten seinen Niederschlag, war verankert in den Tiefen der menschlichen Seele und eines kollektiven Erfahrungsraums.

"Besonders Menschen, deren Dasein hauptsächlich von ihren Gefühlen bestimmt ist, haben in diesen Mondjahren verstärkt unter Depressionen zu leiden", heißt es im Vorspann von "In einem Jahr mit 13 Monden", bevor das Schicksal der Transsexuellen Elvira seinen Lauf nimmt - eines nach Liebe suchenden Menschen, der schließlich im Freitod Erlösung sucht. Wie Elvira scheitern viele Figuren bei Fassbinder an einem Mangel an Liebe, auch Selbstliebe. Isoliert von der Gesellschaft und sich selbst, verharren sie in einem Zustand der Leere, die niemand in der Lage oder bereit ist zu füllen. Und ein bisschen beschreibt das auch die Situation in diesem wundersamen Jahr 2020, das wiederum ein Jahr mit 13 Monden ist. Heute ist es die Abwesenheit von Freizügigkeit, Konsum und Zerstreuung, die die Defizite unseres Zusammenlebens offenlegt. All das tut weh - auf der Leinwand wie im Leben - und liefert einmal mehr einen triftigen Grund des Regisseurs Rainer Werner Fassbinder zu gedenken.

"Fassbinder zum 75.", Stream am Sonntag, 31. Mai, 20 Uhr, mit Unterstützung des Münchner Filmmuseums über den Link www.vimeo.com/showcase/7137702, abrufbar unter www.fassbindertage.de.

© SZ vom 30.05.2020

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