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Null Acht Neun:Sehnsucht nach der Bussigesellschaft

Das Bussi-Bussi hat große Vorteile, weil man es fein dosieren kann. Selbst intime Feindinnen können sich mit gespitzten Mündern begegnen und zugleich den Schein wahren. Aber was nun?

Kolumne von Christian Mayer

Seit Wochen habe ich sehnsuchtsvolle Tagträume, und immer sind sie von Menschen bevölkert, die noch nie was von Home-Office und Videokonferenzen gehört haben. Ich denke an Abende in den Kammerspielen und Ausstellungseröffnungen im Haus der Kunst, die im Rückblick immer schöner werden, je unerreichbarer sie sind; an Champagner-Events, bei denen der Champagner nach zehn Minuten durch Weißwein ersetzt wird, auch sie wirken jetzt prickelnder denn je. Noch ein paar Wochen, dann würde das Münchner Filmfest beginnen, immer genau dann, wenn es draußen 32 Grad im Schatten hat und man eigentlich am See liegen müsste, aber dann doch mit ganz vielen anderen im Kino sitzt, denn man könnte ja was verpassen.

Vor allem vermisse ich die flüchtigen Momente, in denen die Münchner selbst Teil der Inszenierung werden: Wenn sie sich mit vertraulichen Gesten begrüßen, obwohl sie vergessen haben, wie der oder die andere heißt. In diesen Augenblicken der simulierten Nähe glaubt man fast, dass sich da zwei Liebende um den Hals fallen, doch dann halten sie gerade noch inne und platzieren einen angedeuteten Kuss an der ihnen zugewandten Wange, die Lippen zu einem O geformt.

Das Bussi-Bussi hat große Vorteile, weil man es fein dosieren kann, indem man den Druck und die Tröpfchenbildung selbst reguliert. Selbst intime Feindinnen können sich mit gespitzten Mündern begegnen und zugleich den Schein wahren. Viele der hiesigen Bewohner haben es in dieser Disziplin zu wahrer Meisterschaft gebracht haben, vor allem jene, die gerne mal so italienisch wären wie ihr Lieblingskellner.

Ja, so war das in der Zeit vor der Pandemie, als nur die Regeln galten, die man sich selbst gesetzt hatte. Für die Münchner, die selten auf etwas verzichten müssen, war Corona die Implosion ihres Lebensgefühls: Bussi, Bussi, Schlussi.

Seit Montag haben immerhin die Biergärten wieder auf. Ich muss zugeben, ich war auch gleich dort, getrieben von der alten Öffentlichkeitsgier und von purer Neugier, wie das so geht, das richtige Leben, nach Wochen der Abstinenz. Am vertrauten Platz in der Harlachinger Einkehr saßen schon Freunde, die sehr bemüht waren, den Mindestabstand einzuhalten und die neue Normalität zu akzeptieren: Man zelebriert die Lebenslust jetzt halt etwas gedämpfter, was einige erst noch üben müssen.

Ich selbst hatte den Mund bereits zum gewohnten O geformt und wollte gerade ansetzen, meine Bussis zu verteilen, sogar den Schankkellner, dem die schwarze Maske gut zu Gesicht stand, hätte ich bei meiner Ankunft beinahe umarmt, so groß war die Freude. Doch dann wachte ich noch rechtzeitig aus meinem Tagtraum auf - und fand mich wieder im verflixten Coronajahr 2020. Abstand halten, Mann! Man möchte ja niemanden in Verlegenheit bringen, auch nicht sich selbst.

Zum Abschied warf ich ein paar hygienisch unbedenkliche Handküsse in die Runde, es war noch hell draußen, aber alle schienen irgendwie zufrieden mit dieser Premiere. Man wird halt doch bescheiden, in diesen Zeiten.

© SZ vom 20.05.2020

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