Bildungsbericht:So ungleich sind die Chancen für Schüler in München

Übergangsklasse in der Grundschule Martinsried, 2015

Schüler mit Migrationshintergrund haben es von Anfang an schwerer im Unterricht.

(Foto: SZ Photo)
  • Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund tun sich im Bildungssystem schwerer als Schüler ohne diesen Hintergrund.
  • Gründe dafür sind oft Sprachprobleme, und dass sie häufiger aus sozial benachteiligten Familien stammen.
  • So machten zuletzt nur 15,8 Prozent der ausländischen Schüler in München Abitur; unter den Schülern mit deutschem Pass gelang das 40,6 Prozent.

Von Jakob Wetzel

Die Unterschiede schrumpfen, aber sie sind noch immer groß. Münchner Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund oder mit ausländischer Staatsangehörigkeit tun sich im Bildungssystem nach wie vor deutlich schwerer als Kinder und Jugendliche ohne Migrationshintergrund; das geht aus dem fünften Bildungsbericht der Stadt hervor, der jetzt publiziert worden ist. Ausschlaggebend dafür sei neben etwaigen Sprachproblemen zu einem großen Teil, dass Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund häufiger aus sozial benachteiligten Familien stammen, heißt es im Bericht.

Die Unterschiede zeigen sich demzufolge bereits vor der Grundschule und setzen sich kontinuierlich fort bis zur Berufsausbildung und in den Bereich der Universitäten und Hochschulen. So machten zuletzt nur 15,8 Prozent der ausländischen Schüler in München Abitur; unter den Schülern mit deutschem Pass gelang das 40,6 Prozent. Umgekehrt verließ ein größerer Anteil (11,9 Prozent) der ausländischen Kinder die Schule ohne Abschluss. Bei den Schülern mit deutscher Staatsangehörigkeit lag diese Quote bei nur 4,2 Prozent.

Speziell um Sprachprobleme ausländischer Kinder möglichst früh zu überwinden, setzt die Stadt auf frühkindliche Bildung in den Kitas. Doch schon hier gilt: Eltern mit Migrationshintergrund geben ihre Kinder deutlich seltener in Tagesbetreuung als andere. 22,1 Prozent der Kinder, deren Eltern beide Migrationshintergrund haben, verbrachten zuletzt weniger als zwei Jahre in einer Kita. Bei Kindern ohne diesen Hintergrund lag der Anteil bei nur fünf Prozent. 16,5 Prozent der ausländischen Kinder wurden zuletzt später eingeschult. Die Quote liegt doppelt so hoch wie bei Kindern ohne Migrationshintergrund.

Dabei ist der Anteil der Schüler mit ausländischem Pass oder mit Migrationshintergrund an den öffentlichen Schulen in München stark angestiegen. Lag er im Oktober 2012 noch bei 35,9 Prozent, betrug er fünf Jahre später bereits 43,8 Prozent. Gestiegen ist dabei insbesondere der Anteil von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund und deutschem Pass, nämlich um zehn Prozentpunkte auf jetzt 25,6 Prozent. Laut Bildungsbericht liegt das unter anderem an einer Reform aus dem Jahr 2000: In Deutschland geborene Kinder ausländischer Eltern können seither unter bestimmten Bedingungen die deutsche Staatsangehörigkeit bekommen.

Entsprechend ging der Anteil der ausländischen Schüler zurück, allerdings nur leicht, nämlich um rund zwei Prozentpunkte auf 18,2 Prozent. Dass die Quote nicht stärker fiel, liegt laut Bildungsbericht an der starken Zuwanderung: So ist die knappe Mehrheit (54,1 Prozent) der Münchner Schülerinnen und Schüler mit ausländischem Pass nicht in Deutschland geboren worden, sondern selbst zugewandert. 2012 lag dieser Anteil nur bei knapp 30 Prozent.

Über den neuen Bildungsbericht soll Anfang März im Stadtrat beraten werden. Auf knapp 250 Seiten hat die Stadt hier Statistiken zu Kindertagesstätten und Schulen zusammengetragen, zu Hochschulen und - erstmals in dieser Form - auch zu Angeboten der Erwachsenenbildung und zu informellen Bildungsangeboten zum Beispiel der Münchner Stadtbibliothek. In den meisten Fällen stammen die Zahlen aus den Jahren 2017 und 2018. Zuletzt hatte die Stadt 2016 einen Bildungsbericht veröffentlicht und für diesen Zahlen aus den Jahren 2013 und 2014 ausgewertet.

Seitdem hat sich in München einiges verändert - nicht alles davon schlägt sich aber bereits in den Zahlen nieder. Zum Beispiel erprobt die Stadt seit Herbst 2018 ein neues Modell der Ganztagsbetreuung an Grundschulen, die sogenannte Kooperative Ganztagsbildung. Zahlen dazu, was sich dadurch verändert hat, enthält der Bildungsbericht aber noch nicht, dafür lag der Stichtag zu früh.

Seit Herbst 2019 bezahlen Eltern zudem in den meisten Kindergärten gar keine und in den meisten Kinderkrippen deutlich geringere Gebühren; hierfür gilt dasselbe. Und auch die Auswirkungen der mittlerweile drei Schulbauprogramme, bei denen die Stadt mehr als 6,5 Milliarden Euro investiert, sind aus den Zahlen nicht ablesbar: 2018 war von diesen Bauvorhaben noch kaum eines fertig.

27 187 Kurse für Erwachsene

Bildung endet nicht mit der Schule: Der Bildungsbericht der Stadt legt daher erstmals einen Schwerpunkt auch auf die Erwachsenenbildung, speziell auf die Angebote der Volkshochschule, des katholischen Münchner Bildungswerks und des Evangelischen Bildungswerks. Den Löwenanteil der Veranstaltungen entfiel hier im Jahr 2017 auf die Münchner Volkshochschule; sie bot alleine 19 072 Kurse an und zählte 261 140 Teilnehmer, 23 553 mehr als noch fünf Jahre zuvor. Laut Bildungsbericht liegt das nicht nur am Bevölkerungswachstum, sondern auch an Integrationskursen und den von der Stadt bezahlten Sprachkursen für Geflüchtete. So fand im Programmbereich "Deutsch und Integration" mit 142 866 Stunden der meiste Unterricht statt.

60 958 Kinder sind in der Tagesbetreuung

Die Zahl steigt und steigt. So wie die Münchner Bevölkerungszahl wächst, nimmt auch die Zahl der Münchner Kinder zu, die tagsüber in einer Kindertagesstätte betreut werden - und wie. Im Jahr 2014 waren 45 684 Kinder in Kitas untergebracht gewesen, 2008 waren es gar nur 18 330 gewesen. Die Zahl ist bis 2018 auf mehr als das Dreifache angewachsen. Im Kindergartenalter besuchten in diesem Stichjahr 88,9 Prozent der Kinder eine Kita, von den Kindern unter drei Jahren befanden sich 35,6 Prozent in Tagesbetreuung. 2014 waren es 33,4 Prozent gewesen.

95 % der Realschüler machen am Ende einen erfolgreichen Abschluss

Wer einmal auf der Realschule ist, macht sehr wahrscheinlich am Ende den mittleren Schulabschluss: Die Realschulen haben die beste Erfolgsquote aller Münchner Schularten. Sie haben sich seit dem vorherigen Bildungsbericht noch leicht gesteigert: Damals lag die Erfolgsquote bei 93,8 Prozent. Gesteigert haben sich aber auch die anderen: 2017 schafften an den Gymnasien 89,6 Prozent der Schulabgänger das Abitur, 2013 waren es 86,5 Prozent. Und an den Mittelschulen stieg die Quote der Absolventen mit mittlerem Schulabschluss von 22 Prozent auf 30,2 Prozent.

35 % der Schüler machen Abitur

Im Sommer 2017 haben 11 433 Münchnerinnen und Münchner die Schule beendet. Die mit 40,2 Prozent größte Gruppe von ihnen ging mit dem mittleren Schulabschluss, etwas weniger erhielten das Zeugnis der allgemeinen Hochschulreife. 18,9 Prozent gingen mit "Quali", also mit qualifizierendem, oder mit erfolgreichem Mittelschulabschluss. Die Abitur-Quote hat sich seit dem vorhergehenden Bildungsbericht leicht erhöht; im damaligen Stichjahr 2013 lag der Anteil bei 32,2 Prozent. 5,9 Prozent der Schulabgänger nahmen 2017 keinen Abschluss mit; die Quote liegt ähnlich hoch wie 2013 (6 Prozent).

17,8 % der Münchner sind unter 21

Klar, München wächst. Das Bildungsreferat aber achtet besonders auf die Zahl der Kinder und Jugendlichen. Hierzu stellt der Bericht fest: "Je jünger die Münchner Kinder sind, desto zahlreicher werden sie gegenwärtig." So ist die Zahl der Münchner von null bis 20 Jahren seit 2008 um 15,2 Prozent auf 280 548 Personen angewachsen. Innerhalb dieser Gruppe stieg die Zahl der Kinder im Grundschulalter überproportional an, nämlich um 20,7 Prozent. Die der Kinder im Kindergartenalter stieg um 23 Prozent, die der Kinder unter drei Jahren sogar um 24,6 Prozent auf 44 312. Ende 2018 lebten insgesamt 1 572 557 Menschen mit Haupt- oder Nebenwohnsitz in München.

2,5 % der Schüler fallen durch

Im Schuljahr 2017/18 sind 1501 Münchner Schülerinnen und Schüler von Gymnasien, Realschulen und Mittelschulen wegen schlechter Noten nicht versetzt worden. Das sind weniger als im vorherigen Bildungsbericht: Im Schuljahr 2013/14 waren es 1994 Schüler (3,5 Prozent). Am höchsten ist die Durchfaller-Quote an Realschulen (4,5 Prozent), am niedrigsten an Mittelschulen (1,5 Prozent), Gymnasien liegen dazwischen (2,2 Prozent). 1136 Schüler haben 2017/18 zudem freiwillig wiederholt, etwa um ihre Abschlussnote zu verbessern. 735 Schüler wiederholten nach einem Schulartwechsel.

9,1 % der Erstklässler sind zu dick

Bevor sie eingeschult werden, müssen alle Kinder erst einmal zum Arzt. Die für den Bildungsbericht verwendeten Daten sind etwas älter: Sie beziehen sich auf 11 860 Kinder, die zum Schuljahr 2014/15 schulpflichtig wurden; aktuellere Zahlen lagen noch nicht vor. In jenem Jahr aber hatten immerhin 85,4 Prozent der untersuchten Kinder ein normales Gewicht. Zu dünn waren 5,4 Prozent, die übrigen zu dick. Auffällig ist, dass der Anteil der übergewichtigen Kinder mit 15 Prozent deutlich erhöht war, wenn beide Eltern Migrationshintergrund hatten. Woran das lag, ist unklar. Der Bildungsbericht erwähnt Studien, die einen Zusammenhang mit der sozialen Lage nahelegen.

52 % der Studierenden sind Männer

Dabei schlagen sich Mädchen in der Schule besser als Buben (alle Daten stammen von 2017/2018). Das beginnt im Kindergarten: Nur 8,5 Prozent der Mädchen werden ein Jahr später eingeschult, bei den Buben sind es 13,6 Prozent. Nach der Grundschule schaffen 55,5 Prozent der Mädchen den Übertritt aufs Gymnasium, von den Jungen nur 52,8 Prozent. Mädchen machen öfter Abitur, nämlich zu 39,1 Prozent. Von den Buben gelingt das 31 Prozent. Mädchen aber studieren dann offenbar seltener. Hinzu kommt womöglich auch, dass speziell die Technische Universität viele männliche Studierende von außerhalb anlockt. Dort lag der Männer-Anteil 2017 bei 65,4 Prozent.

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