Stadtplanung:Das Münchner Hochhaus-Dilemma

Föhnhimmel

Der O2-Tower war wie so viele andere Hochhäuser auch nicht unumstritten.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Der Bau neuer Türme ist umstritten, aktuell lösen die Planungen für das Paketpostareal Kontroversen aus. Bei einem Spaziergang informiert das Planungsreferat über aktuelle Projekte und deren mögliche Auswirkungen auf die Altstadt-Silhouette.

Von Alfred Dürr

München und seine Hochhäuser. Eine schlechte Nachäffung amerikanischer Wolkenkratzer; dieses Gebäude ist nur eine turmartige, massive Ablagerung von Ziegelsteinen - so lauteten böse Kommentare, als Ende der Zwanzigerjahre der erste Büroturm - zentral in der Altstadt, 45 Meter hoch mit zwölf Geschossen - fertig war. Es handelt sich um das Alte Technische Rathaus mit seiner markanten Ziegelfassade, in dem sich bis heute das städtische Planungsreferat befindet. Längst provoziert dieser Verwaltungsbau niemand mehr, er gehört wie selbstverständlich zum Stadtbild.

Am Hochhaus hat sich eine größere Gruppe von Bürgern versammelt, die sich bei einem vom Planungsreferat organisierten Stadtspaziergang über aktuelle Turmprojekte und deren mögliche Auswirkungen auf die Altstadt-Silhouette informieren will. Das Interesse an Antworten auf die Frage, ob Gebäude entstehen dürfen, die höher als 100 Meter sind, ist offensichtlich groß. Kaum war die Veranstaltung angekündigt, war sie schon ausgebucht.

Erste Station auf der Tour ist das Stadtmuseum. Dort steht im Foyer das Holzmodell der Innenstadt. Der Blick darauf zeigt ein homogenes Bild mit einer generell moderaten Gebäudehöhe, lediglich die Kirchtürme und Kuppeln ragen heraus, ganz speziell die mächtige Frauenkirche.

An dieser Situation will niemand rütteln, erläutert Alexander Bock vom Planungsreferat. Für den Neubau von Hochhäusern gibt es klare Vorgaben. Die Altstadt, alte Dorfkerne oder gewachsene Stadtteile sind tabu. Der Blick auf Wahrzeichen wie dem Rathausturm, dem Alten Peter oder dem Dom darf nicht durch Hochhäuser beeinträchtigt werden. Als geeignete Standorte sehen die Planer "Stadttor-Situationen", also Eingangszonen in die Stadt, Kreuzungsbereiche und Schnittpunkte großer Verkehrsachsen etwa mit dem Mittleren Ring. Hochhäuser setzen dort Akzente, bilden Orientierungspunkte und neue Adressen. München kann nicht uneingeschränkt in die Breite wachsen, so die Linie des Planungsreferats, muss aber für die Zukunft ausreichend Wohn- und Büroflächen zur Verfügung stellen.

Die Gruppe spaziert zum Odeonsplatz. Von den Stufen der Feldherrnhalle blicken die Teilnehmer über die historischen Bauten der Ludwigstraße in Richtung Norden. Die 2004 fertiggestellten Highlight Towers (126 und 113 Meter hoch) liegen genau in der Sichtachse - ein Ausdruck der modernen baulichen Weiterentwicklung der Stadt oder ein Frevel an der Architektur eines Leo von Klenze oder Friedrich von Gärtner im Königreich Bayern? Die Meinungen gehen auseinander. "Das sind an sich schöne Türme", sagt eine Frau, "aber sie sollten doch nicht ausgerechnet in dieser für die Stadt bedeutenden Achse stehen". Er habe kein Problem damit, erwidert ein Teilnehmer: "Interessante Hochhäuser sollten durchaus auch inszeniert werden, nur dann kommen sie richtig zur Geltung."

Reine Glas- und Stahlkästen sind unter Architekten inzwischen längst verpönt

Die Architektin und Stadtplanerin Claudia Neeser, die die Gruppe führt, und Alexander Bock wollen deutlich machen, dass es sich die Stadt nicht leicht macht mit neuen Turmbauten. "Das Setzen von vertikalen Akzenten erfordert eine ganz besondere Verantwortung", sagt Bock. Deswegen gibt es den aktuellen Entwurf der Hochhausstudie, der zur Zeit diskutiert wird. Die Anforderungen an die Architektur sind hoch. Größter Wert wird beispielsweise auf die Gestaltung der Erdgeschossbereiche von Hochhäusern gelegt. Alle sollen hier Zugang haben, das gilt auch für die Dachzonen. Das kommt in der Runde gut an. "Ich wünsche mir, dass Hochhäuser nicht nur ein Gewinn für den Investor sind, sondern dass auch die gesamte Öffentlichkeit etwas davon hat", sagte ein Teilnehmer.

Reine Glas- und Stahlkästen haben keine Chance. Die Fassade wird zu einem entscheidenden Kriterium bei der Genehmigung. Sie muss gut gegliedert sein, räumliche Tiefe haben. Einig ist sich die Runde, dass besonders auf die Materialität der Projekte geachtet werden muss. "Könnten Sie sich vorstellen, dass hohe Hochhäuser aus Holz gebaut werden, die dann eine besondere Wirkung und Akzeptanz entfalten?", fragte Claudia Neeser. Schöne Idee, so eine Antwort, aber technisch sei das nicht leicht zu realisieren.

Beendet wird der Spaziergang mit der spektakulären Aussicht vom Dach des Wohnturms The Seven an der Fraunhoferstraße auf das im Dämmerlicht liegende München. Vom einstigen Heizkraftwerk zeugen nur noch die fünf markanten und nachts orange beleuchteten Schornsteine auf der kleinen Dachterrasse. Ein 54 Meter hohes Luxus-Wohngebäude in unmittelbarer Nähe des historischen Planungsreferats-Hochhauses: Das war nur möglich durch den Umbau des ehemaligen Maschinenturms. Von hier oben sieht man, dass München längst eine Hochhaus-Stadt ist. Schon Mitte der Fünfzigerjahre ging es los mit dem Bau, das ehemalige Hotel Deutscher Kaiser am Hauptbahnhof entstand oder das ursprüngliche Agfa-Hochhaus in Giesing.

Der Arabellapark ist heute schon so etwas wie ein Hochhaus-Quartier. Der BMW-Vierzylinder und das Hypo-Hochhaus sind Klassiker, die an der von der Frauenkirche vorgegebenen Höhengrenze von 100 Metern gerüttelt haben. Ein echter Ausreißer ist der 2004 fertiggestellte Turm Uptown München (seit 2006 firmiert er unter dem Namen O2-Tower) mit seinen 146 Metern. Bis heute ist das im Hochhaus-Sektor unerreicht. Das kann sich ändern. Das Paketpostareal nahe der Friedenheimer Brücke sieht Zwillingstürme mit jeweils rund 155 Metern vor, was für Diskussionen sorgt.

Die Teilnehmer des Stadtspaziergangs lassen sich beeindrucken von den vielen Hochpunkten im Stadtbild, den Kuppeln und Türmen. Nur eines ärgert einen Besucher: "Ursprünglich war versprochen, dass das Dach von The Seven für alle offen ist, jetzt geht es nur mit Sondererlaubnis."

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