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Mitten in Schwabing:Fensterfernsehen und das eigene Ich

Wer in diesen Zeiten als Single im Home-Office lebt, ist dennoch in bester Gesellschaft und kann über alles reden - mit sich selbst

Glosse von Katrin Kurz

Es gibt so Momente, da erschrickt man über sich selbst. Wie kann man die Namen bekannter Schauspieler vergessen, den Einkaufszettel oder das letzte Kapitel des soeben gelesenen Buches? Seit es aber Dinge wie Kumpel-Beschränkungen und Zapfenstreich kurz nach der Tagesschau gibt, wirken derartige Gedächtnisschwächen noch vergleichsweise harmlos. Weitaus bedenklicher sind diese neuen Eigenheiten, ja Marotten, die sich sukzessive im Single-Isolations-Haushalt und im eigenen Kopf einnisten. Da lehnt man doch tatsächlich im Pausen-Taste-Alltag plötzlich scheinbar zeitlose Ewigkeiten am Küchenfenster und glotzt hinaus, aufs Schwabinger Straßenbild.

So wie es doch bislang eher betagtere Herrschaften taten, mit einem Kissen unter dem Ellbogen, damit es etwas bequemer ist. Genau dokumentierend, wer aus der Nachbarschaft gerade mit wem wohin geht, ob der Müll richtig sortiert wird und die Wäsche akkurat im Innenhof hängt. Und nun? Hockt man selbst dort, und das Gläserne wird plötzlich zum wundersamen Schaufenster in die Außenwelt. Die ältere Dame an der Kreuzung zum Beispiel, die jeden Morgen meditativ mit einer raffinierten Besen-Schwung-Dreh-Technik den Vorplatz fegt, oder die vielen Fahrräder, die für kurze Zeit unter dicken Schneedecken zu seltsamen Gebilden heranwuchsen. Ja sogar einer im Wind tanzenden Papiertüte blickt man sehnsuchtsvoll hinterher. Was in dem To-Go-Packerl wohl drin war? In Zeiten von Click and Collect kann das so ziemlich alles gewesen sein.

Selbst der Juwelier ums Eck bietet jetzt seine Zwei-Karat-Klunker zur schnellen Abholung an. Warum auch nicht? So ein dringend benötigtes Glitzer-Collier trägt sich prächtig im Home-Office. Am interessantesten zu beobachten sind die Paare, die sich am U-Bahn-Aufgang begrüßen oder verabschieden. Man kennt sie inzwischen: die Wochenendbeziehungen, die gewohnt routiniert Lebewohl sagen, daneben die frisch verliebten Dauerknutscher und Endlosumarmer, die sich noch fünf Mal umdrehen und wild mit den Armen wedeln, als ginge es um Leben und Tod. Oder die Zögerlichen, die noch nicht recht wissen, ob es jetzt schön ist, dass der andere kommt oder geht. Noch viel schlimmer als das Fensterfernsehen sind aber, und jetzt beginnen die eigentlichen Sorgen, die sich einschleichenden Selbstgespräche mit der Ein-Personen-Gesellschaft. Nicht das stöhnende Fluchen, wenn man sich den Zeh am Regal anhaut oder die leise Grummelei über das polternde Heimsport-Programm des Nachbarn. Nein - richtige Gespräche. Ganze Sätze, Fragen an sich selbst, deutlich und laut ausformuliert. Ein solches war zum Beispiel neulich aus dem eigenen Off zu hören: "Hoffentlich bleibt die Maskenpflicht noch eine Weile, damit man genug Zeit hat, sich diese Marotte wieder abzugewöhnen." Ganz heimlich, hinter dem Stofflappen.

© SZ vom 24.02.2021
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