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Mitten in Schwabing:Die Kraft der geöffneten Fenster

Geräusche, Gerüche: Es ist schön, zu beobachten, wie ein Stück Normalität zurückkehrt - beim Nachbarn ebenso wie in der Schule

Glosse von Nicole Graner

Die Grundschulen haben wieder auf. Präsenzunterricht in abwechselnder Form und - natürlich - mit allen AHA-Regeln, die es gibt. Dazu gehören geöffnete Fenster. Und wie sie geöffnet sind, gerade jetzt bei diesem Frühlingswetter. Lange war es still und dunkel in den Klassenzimmern zum Beispiel in der Simmernschule. Jetzt hört man das Leben wieder. So geht man am Vormittag vorbei an weit aufgesperrten Fenstern - auf der Fensterbank steht ein Rechenschieber mit großen bunten Kugeln - und hört Lehrer und Schüler. Man will nicht lauschen, ganz bestimmt nicht, aber da muss eine Schülerin gerade etwas vorlesen. Und ein paar Schritte weiter hört man eine weiche, warme Stimme sprechen. Es muss die Lehrerin sein. Beim nächsten Fenster ist leises Murmeln hörbar - wahrscheinlich ist Gruppenarbeit angesagt.

Schön ist es, diese Stimmen zu hören und zu wissen: ein kleines Stückchen Normalität ist zurückgekehrt. Überhaupt ist die Kraft der geöffneten Fenster etwas Beruhigendes: Der Nachbar kocht gerade. Es duftet köstlich. Nennen wir ihn Micky. Auf dem Herd köchelt gerade das Tomaten-Sugo für eine seiner straßenberühmten Pizzas, die er für seine Kinder macht. Ein Gruß, ein Winken. "Auf bald, oder?", sagt er. "Ja, ganz bald!" Nebenan hört man, wie sich zwei junge Herren - na ja, wohl eher Studenten - über die Probleme im Aktiengeschäft unterhalten. Puh, als man selbst Student war, da war an Geldanlage nicht zu denken. Da hat man alles zusammengekratzt, um mal ins Theater zu können. Aus anderen Fenstern schallt Musik. Eine Frau singt spanische Weisen und jemand summt mit. Und aus Dachluken kommen Gitarrentöne. Da übt jemand seine Tonleitern, seine Chords. Rauf und runter.

Und es gibt magische Fenster. Die immer geöffnet sind, aber in denen niemand zu sehen ist. So steht gegenüber jeden Morgen, sehr früh, ein Fenster sperrangelweit offen. Lange. Man nimmt sich vor, genau hinzusehen, während man um sieben seine Dehnübungen macht, wer es wohl wieder schließen könnte. Aber dann ist es plötzlich zu. Zeitpunkt verpasst.

© SZ vom 03.03.2021
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