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Mitten in Obersendling:Ein Prosit auf die Schnittmenge

So mancher coronageplagte Münchner dürfte davon träumen, dass Großbiergärten genauso behandelt werden wie Gartencenter

kolumne Von Jürgen Wolfram

War das ein Aufschrei, als eine bekannte Parfümerie sich kurzerhand zur Drogerie umfirmierte, um in den Genuss von Corona-Lockerungen zu kommen. Derlei billige Tricks gelten einer pandemisch aufgekratzten Gesellschaft als anrüchig bis skandalös. Es stellt sich allerdings die Frage, ob die Proteste nicht ein wenig voreilig aufgeflammt sind. Denn ergeben sich bei näherem Hinsehen nicht beträchtliche Schnittmengen zwischen den Geschäftszweigen? Bilden Shampoo, Lippenstift und Deo etwa keinen duften gemeinsamen Nenner?

Ähnlich verhält es sich zwischen Gartencentern, die wieder öffnen dürfen, und Biergärten, die einstweilen zugesperrt bleiben. Hier verwischen sich spätestens bei der erklecklichen Auswahl an Gartenmöbeln und dem botanischen Ambiente die Grenzen. Insofern dürfte der Wirt der baumreich flankierten Großgaststätte in der Zielstattstraße mit einiger Verständnislosigkeit auf das Pflanzenparadies in der Meglinger Straße blicken, um nur mal ein Beispiel aus Obersendling zu bemühen. Dass der Gastronomiebetrieb eine Schießstätte beherbergt, sollte indes nicht als latente Bedrohung aller Floristen missverstanden werden.

Schon wahr, manche Kombinationen ergeben nur auf den ersten Blick ein symbiotisches Paar; kritischer Überprüfung halten sie kaum stand. Denn sie liegen nicht nur räumlich meilenweit auseinander, sondern auch markenkernmäßig. Wer etwa unter Hinweis auf Artverwandtschaft die Gleichsetzung des Tierparks Hellabrunn und des Münchner Eisstadions einfordert, nur weil in der Arena gelegentlich Huskies aus Kassel, Pinguine aus Krefeld und sogar Berliner Eisbären gastieren, hat irgendwas gründlich missverstanden. So jemand glaubt vermutlich auch, Eishockeyschläger taugten primär als Gehhilfen und Zitronenfalter falteten Zitronen. Letzteres haben Zoologen längst widerlegt. So wie sich der Irrglaube parfümartig verflüchtigt, Drogerien böten neben Hygieneartikeln vor allem Drogen feil. Als absolut gesicherte Erkenntnis in diesen schwankungsreichen Zeiten darf immerhin eines gelten: Würden Großbiergärten genauso behandelt wie Gartencenter, käme das nicht nur in Obersendling gut an.

© SZ vom 04.03.2021
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