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Metropol-Theater:Sternschnuppen

Zu unseren Füßen Metropoltheater

Nach den Schlägen: Thorsten Krohn, Lucca Züchner und Sophie Rogall (oben).

(Foto: Jean-Marc Turmes)

Jochen Schölch inszeniert "Zu unseren Füßen..."

Von Egbert Tholl

Sechs Menschen in einem Mietshaus in Berlin Pankow. Zwei sind ein lesbisches Paar (Darija und Kim), einer war mal Gerichtsvollzieher und säuft jetzt (Holm), zwei waren mal ein Paar und sind es nun nicht mehr (Sarah und Ahmed). Einer fehlt. Es ist Nabil, geflohen aus Syrien, der in der Erstaufnahme ums Eck wohnte, bis ihm Sarah die Wohnung im Erdgeschoss besorgt hat. Nabil taucht als Figur nicht auf, dennoch ist er sehr präsent. Weil alle anderen über ihn reden. Weil er etwas bei ihnen auslöst, verändert, bewegt. Nabil ist ein Katalysator, er bringt die anderen zum Reden und Handeln. Und was die dann sagen und tun, ist nicht nur schön.

Svealena Kutschke hat mit "Zu unseren Füßen, das Gold, aus dem Boden verschwunden" einen sehr guten Text geschrieben, der kein Stück, aber Theater ist. Davor hat sie drei Romane veröffentlicht, ihr Drama kam im vergangenen Jahr am Deutschen Theater in Berlin heraus und war einer der drei Gewinnertexte bei den Autorentheatertagen 2019. Nun hat Jochen Schölch ihn an seinem MetropolTheater inszeniert, so konzentriert, wie man das von ihm kennt. Er braucht dafür drei Bänke, zwei große und eine kleine, und fünf Menschen. Vor allem Menschen.

Matthias Grundig spielt den Holm prägnant verlottert, Sophie Rogall die Darija mit der Wut einer kampfbereiten Lesbe, Lucca Züchner ist eine flatternde, herzliche Kim, Thorsten Krohn der verlassene, verlassende, überforderte Gatte von Sarah, der Mara Widmann umfassende und wundervoll anrührende Wärme verleiht. Sarah konnte früher wegen ihrer Depression das Haus nicht verlassen, jetzt schläft sie mit Nabil. Holm verprügelt den schicken Nabil, der die Designeranzüge von Ahmed trägt, die ihm Sarah verschaffte - und fängt endlich an, sich, sein Leben und seine Wohnung aufzuräumen. Und die harte Darija kann endlich mit Kim über ihren eigenen Schmerz, über ihre Ängste, über ihren fundamentalistisch geworden Bruder reden, ohne Angst um Risse in ihrer Fassade haben zu müssen.

Das alles wird, wie gesagt, erzählt, aber auch erspielt, voller Leben; jede Figur erklärt sich, es gibt kaum direkte Aktion. Vielleicht sind alle Figuren zehn Prozent zu deutlich gezeichnet, aber daraus erwächst die Kraft ihrer individuellen Haltungen, auch viel Spannung. Kutschke erschafft ein auf fünf Menschen verteiltes Bild unserer Gesellschaft mit all ihren Widersprüchen, Schölch und seine fünf Menschen machen aus dem klugen, gut geformten Text ein prägnantes Menschenerlebnis. Alle sind sie Sternschnuppen, die haltlos verglühen würden, lernten sie nicht, worum sie kreisen. Dabei können sie einem sehr nahe gehen. Oder auch witzig sein. Holm, permanent schwankend zwischen reaktionärer Haltung und seiner Entrüstung darüber: "Der Deutsche ist einfach ein hässlicher Mensch, da kann er noch so viele Croissants essen."

© SZ vom 10.03.2020

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