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Messestadt Riem:Gesellschaftskritik im Stiegenhaus

Welchen Preis zahlen wir? Michael Lapper setzt sich mit seiner Ausstellung im Treppenhaus mit dem Wohnen in der Stadt auseinander.

(Foto: Yoav Kedem)

Michael Lapper setzt sich mit den Bauten seiner Umgebung auseinander - und präsentiert sie im Stiegenhaus an der Selma-Lagerlöf-Straße

Von Ilona Gerdom, Messestadt Riem

Durch die rote Eingangstür an der Selma-Lagerlöf-Straße 40 gelangt man in ein Treppenhaus. Aber kaum hat man ein paar Stufen genommen, merkt man: Irgendwas ist hier anders. Beim Blick nach links ist eine weiße Wand zu sehen, auf die jemand ein kleines rotes Quadrat gepinselt hat. Das wiederum ist eingeschlossen von einem riesigen Viereck. Der Künstler Michael Lapper hat es angebracht. Und auch die vielen anderen kleinen und großen Werke, die das Stiegenhaus zieren. Er hat es kurzerhand umfunktioniert in eine Galerie. Die jetzige Ausstellung hat den Titel "Teure billige Stadt".

Lapper steht oben am Kopf der Treppe. Er stützt sich mit den Unterarmen aufs Geländer. Links und rechts von ihm führen Türen in Dachgeschosswohnungen. In einer davon lebt er selbst mit seiner Familie. Von oben schaut der Messestädter runter und erklärt, was es mit den Quadraten auf sich hat: Das kleine Viereck sind die Baulandpreise von 1950. Das riesige Drumherum die Preise von 2019. In diesem Zeitraum sind sie um fast 40 000 Prozent gestiegen. Eine große Zahl, die man sich nur schwer vorstellen kann. Mit den Vierecken klappt es besser.

Wenn man den ersten Satz Stufen hinter sich gelassen hat, kommt man auf eine Zwischenetage. Auf dem Boden liegen zwei gelbe Handschuhe. Solche, die man auf dem Bau anzieht. Nur die Fingerspitzen sind zu sehen, der Rest ist unter einem schwarz-weißen Klotz verborgen. Auf den ersten Blick sieht er schwer aus. Erst bei näherem Hinschauen sieht man, dass es sich um eine Art Styropor handelt. Das werde, so Lapper, in vielen Häusern der Messestadt zur Wärmedämmung benutzt. Darin sieht er die billige Seite Münchens. Denn der Baustoff ist Sondermüll: "Das ist auch eine Art Verpackung, die auf uns zurückfällt."

Mehrere der kleinen Kunstwerke im Treppenhaus sind aus Baumaterialien gefertigt. Da findet sich Wabengitter, das man zum Beispiel auf Rasen legt, damit man mit dem Auto drüberfahren kann. Aber auch Bautenschutzmatten und Glas. Lapper sammelt diese Sachen oft an Baustellen auf. Was für andere Abfall ist, nennt er "ganz spannendes Material". Spannend findet Lapper daran zum Beispiel, dass die Stoffe an sich nichts Besonderes sind.

Auch die Gebäude in der Messestadt, die daraus ent- und bestehen, seien nicht außergewöhnlich, sondern gleichförmig. Wenn man die Elemente aber einzeln verwende, hätten sie etwas Ästhetisches, man könne ihnen etwas Schönes abgewinnen. Mit einer Formatkreissäge schneidet Lapper die Fundstücke auf und ordnet sie dann zu "Standart-Grafiken" an. Sie zeichnen sich durch klare Kanten aus. Sind mal grün und grau, mal rosa, mal orange. Farben, die man nicht mit der Messestadt verbindet. Und obwohl man sie nicht zu Gesicht bekommt, ist doch jeder, der dort lebt, davon umgeben. Lapper macht sichtbar, was sonst unsichtbar bleibt. Manchmal bildet er aber auch nur das Offensichtliche ab: "Es macht viel Spaß zu zeigen, was da ist", erklärt er und deutet auf eine Fotografie. Dort ist der Hinterhof eines Neubaus zu sehen. Das Gebäude wirkt anonym. Es könnte überall stehen. Davor steht eine kleine Almhütte. Lapper findet, dass es aussieht, als wolle man zeigen: "Ihr seid hier in Bayern." Als wolle man sich damit ein Stück Identität sichern.

Ob aus sonst Unsichtbarem gebaut oder ein abgelichtetes Stück Wirklichkeit, mit jedem seiner Werke im Schautreppenhaus will der Künstler etwas sagen. Mit vielem äußert er Kritik, an der Art und Weise, wie die "teure billige Stadt" funktioniert. Gleichzeitig drückt fast jedes Ausstellungsstück eine tiefe Verbundenheit zur Messestadt aus. Klötzchensiedlung hin oder her. Wenn Michael Lapper sagt: "Ich liebe meinen Stadtteil", dann meint er das auch.

Wer das Schautreppenhaus besuchen will, kann sich telefonisch unter der Nummer 0157/76 34 0058 anmelden. Michael Lapper bietet auch eine kontaktlose Führung per Telefonat an.

© SZ vom 08.05.2021
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