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Messestadt Riem:Die Drei von der Tankstelle

Der Künstler Michael Lapper stellt drei Mal in der Woche neue Folgen seines Online-Kinderbuchs ins Netz. Dabei ist er den kleinen Lesern oft nur wenige Schritte voraus. Die Abenteuer um Nilpferd Nils und seine Freunde hatte er einst für seinen eigenen Nachwuchs erfunden

Sie heißen Nils, Mütze und Päng. Die drei von der "Tankstelle der Tiere". Nils, das bodenständige Nilpferd, ist offensichtlich der Obermechaniker. Im Blaumann, die Ärmel hochgekrempelt, lehnt er an der Tür, stets zum Zupacken bereit. Mütze, der Hase, hat hingegen schon wieder eines seiner beiden langen Ohren über die Augen gelegt und sich in seinem Bürostuhl bequem dösend zurückgelehnt. Jedes Kind begreift, dass der Name passt, weil er sich dauernd eine Mütze voll Schlaf gönnt. Päng, dem Pinguin, ist es indessen viel zu heiß - weswegen er seine freie Zeit am liebsten im großen alten Kühlschrank verbringt, den Schraubenschlüssel in der Flosse verborgen.

Es ist lange her, dass Michael Lapper die drei Freunde erfunden hat. Seine Kinder, denen er vor dem Einschlafen Abenteuergeschichten von Nils, Mütze und Päng erzählt hat, sind mittlerweile 19 und 22 Jahre alt. Dass der in der Messestadt lebende Künstler die drei tierischen Freunde nun wiederentdeckt und wiedererweckt, hat mehrere Gründe. Zum einen wollte er mit engagierten Nachbarn der Initiative "kopfbaut:t" den Kopfbau der früheren Riemer Flughafentribüne in diesem Sommer kulturell zum Leben erwecken, auch eine Vereinsgründung zu diesem Zweck stehe im Raum, erzählt er. Klar, dass sie da auch wieder etwas für Kinder machen wollten, wie in den vergangenen Jahren beim spontanen Programm vor dem Baudenkmal, in dem der Schimmel heftig nistete und von dem die Stadt nicht so recht wusste, was tun damit. Neue Raumluftmessungen stehen derzeit noch aus, doch Michael Lapper und seine Mitstreiter von "kopfbaut:t" gehen davon aus, dass dieses Mal alles klappt.

Zum Schmelzen: Hase Mütze gönnt sich gerne mal ein Schläfchen. Und der Eiswürfel auf dem Bauch von Pinguin wird in jeder Episode kleiner, die Pfütze drunter umso größer.

(Foto: Michael Lapper/oh)

Geschichten für Kinder, Geschichten aus der Sicht von Kindern, das war für Lapper, der auch pädagogische Kunstaktionen in Schulen macht wie etwa die mit den "Müllgeistern", immer schon ein wichtiger Ansatz. Aktivitäten mit Publikum aber sind derzeit undenkbar, Kindern daheim ist es jedoch ab und an ganz schön fad. Also aktivierte Lapper seine drei Tankstellenhelden eben fürs Netz. Ein online-non-profit-Projekt, nennt er es. "Mit ansteckender Wirkung für die Fantasie." Montag, Mittwoch und Freitag gibt es neue kleine Folgen auf der Homepage des Künstlers (https://www.michaellapper.de/die-grosse-reise/). Mit seiner tiefen Stimme kann er gut und lebendig erzählen, er hätte seine Geschichten also niederschreiben und vorlesen können. Doch der Genuss für ihn beim Tun und für die Fans und ihre Eltern beim Mitfiebern liegt natürlich auch in den fein gezeichneten und kolorierten Bildern. Allein die Tankstelle selbst: das Dach mit kühnem Schwung. Man sieht die Sommerluft flirren.

An die ganz Kleinen denkt Lapper beim Zeichnen und Dichten, von drei Jahren an. Es gebe ja notfalls Eltern zum Erklären. Die Feinheiten und Hintergründigkeiten seien aber auch noch was für die Zehnjährigen, denkt er. Seine Kinder erinnerten sich heute noch gerne an das Tankstellenteam, auch aus Kitas in der Messestadt habe er schon schöne Resonanz, erzählt der Künstler.

Lapper aber wäre nicht Lapper, wenn das einfach nur so lustig plätscherte. Unterschwellige Botschaften sind bei ihm gewiss nicht unbeabsichtigt. Allein das Bunte und Verschiedene, das man mit Tieren zum Ausdruck bringen kann, fasziniert ihn. Und dann sind Nils und Päng quasi auch noch Migranten. Ganz wie derzeit im richtigen Leben geht den dreien an der Tanke irgendwann die Arbeit aus. Und ganz wie heutzutage in der Freiheitsfantasie, machen sie sich in der Fortsetzungsgeschichte auf den Weg: "Die große Reise" - für Lapper hat dieser Titel durchaus etwas Symbolisches.

Tankwart Nils, das Nilpferd, erschüttert so schnell nichts.

(Foto: Michael Lapper/oh)

Nach Afrika, in Nils unbekannte Heimat, wollen sie fahren, wo die Häuser flexibel sind und sich ändern können, und dann runter in die Antarktis, wo "jede Menge Pinguine mit Schneeschaufeln das Eis vom Ruß befreien". Lapper dachte dabei an ein Bild des brasilianischen Fotokünstlers Sebastião Salgado. Insgesamt also ein Szenario, in das sich für Lapper "ein paar aktuelle Themen mischen lassen", ist der Künstler doch sicher, dass das Klimaproblem nach wie vor das größte der Menschheit ist. Erhobener Zeigefinger, pädagogische Besserwisserei mit dem Holzhammer oder Angstmachen sind jedoch nicht Michael Lappers Ding: Kinder mit spaßigen und abenteuerlich-stürmischen Storys zum Nachdenken und Selbermachen anregen, das will er.

In Genua tauschen Nils und seine Freunde anfangs ihren Abschleppwagen gegen den Hafenschlepper Renzo. "Den gibt es wirklich, iIm Deutschen Museum." Michael Lapper ist selbst richtig begeistert. Auch ein Hochleistungsflugsegelboot soll noch vorkommen, verspricht er. Klar, man muss nach alternativen Antrieben suchen. Und am besten gleich nach einer besseren Geschäftsidee als der mit der Tanke. Was wird in Zukunft wirklich gebraucht?

Klingt, als wären alle Episoden schon fertig im Kopf des Künstlers, doch so weit ist er seinem jungen Publikum gar nicht voraus. "Es entwickelt sich", lacht er. Es sei einfach so schön, morgens gleich die neuesten Ideen zu Papier zu bringen. Und die sprudeln sogar, während Lapper von dem Projekt erzählt. Mit etwa 20 Folgen könnten die jungen User schon rechnen.

Mit ansteckender Wirkung für die Fantasie: Die drei Helden auf großer Fahrt gegen so manche Widerstände.

(Foto: Michael Lapper/oh)

Und vielleicht findet sich am Ende auch noch ein Verlag. Oder Crowdfunding ermöglicht den Druck. Ausschließen will Michael Lapper nicht, dass am Ende ein gedrucktes Buch draus wird.

© SZ vom 17.04.2020

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