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Meine Woche:Kleiner Piks, große Angst

Prof. Angelika Erhardt am Max-Planck-Institut in München, 2020

Angelika Erhardt.

(Foto: Stephan Rumpf)

Angelika Erhardt hilft Menschen, die sich vor dem Impfen fürchten

Von Simon Garschhammer

Circa drei Prozent der Deutschen leiden an panischer Angst vor Spritzen, der sogenannten Trypanophobie. "Drei Prozent erscheint wenig, aber drei Prozent von 80 Millionen sind nicht so wenig", sagt Angelika Erhardt, Ärztin des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München. Demnach sind allein in der bayerischen Hauptstadt knapp 50 000 Menschen von der Angst vor Injektionen und Impfungen betroffen. "In der aktuellen Situation, in der die Corona-Impfungen für viele Menschen anstehen, haben wir die Notwendigkeit gesehen, darauf hinzuweisen", sagt die Professorin.

Immer wieder hat Erhardt Nachrichten im Postfach wie vor kurzem, als jemand schrieb: "Ich würde die Impfung gerne machen, aber ich habe so starke Angst und weiß nicht, wie ich das machen soll." Genau diesen Menschen wollen Erhardt und ihr Team helfen. Denn während Spritzen ja im Grunde nur piksen, kann die Angst davor tödlich sein. "Eine Spritzenphobie kann unter Umständen sehr gefährlich sein, wenn sie notwendige Impfungen wie zum Beispiel die gegen Tetanus verhindert", mahnt Erhardt.

Aus diesem Grund bietet das Max-Planck-Institut für Psychiatrie von nun an ein Kurzprogramm zur Behandlung an. "In-vivo-Exposition" heißt die Therapie, die in sechs Sitzungen á eineinhalb Stunden zum Erfolg führen soll. "In-vivo heißt, dass es in der Realität abläuft", sagt die Ärztin. "Wir arbeiten mit dem Angstanstieg, spielen die Situation durch, damit durch Intervention die Angst anders verarbeitet werden kann." Heißt konkret, dass die Patienten mit dem konfrontiert werden, was sie fürchten, in dem Fall die Spritze. Angefangen mit Fotos bis hin zur Blutabnahme. Die Erfolgsquote sei hoch, mehr als zwei Drittel der betroffenen Menschen seien gut therapierbar.

Doch trotz der vielen Kandidaten und des aktuellen Anlasses durch die Corona-Impfung ist die Nachfrage in der Klinik bisher überschaubar, auch in dieser Woche. Erhardt glaubt, dass viele Menschen schambehaftet seien oder gar nicht wissen, dass es eine so vielversprechende Therapie gegen die Spritzenangst gebe.

Auch die Altersverteilung spiele eine Rolle, so die Professorin: Von der Phobie sind nämlich weniger Senioren als viel mehr junge Menschen betroffen. "Bei den aktuell laufenden Impfungen haben wir das Problem nicht so stark", sagt Erhardt mit Blick auf diese Woche, aber in zwei, drei Monaten werde sich das ändern. Dann hofft Erhardt, dass sich mehr Menschen melden werden, um ihre Phobie durch eine Therapie zu bewältigen: "Das sind Menschen, denen man langfristig helfen kann, die aktuelle Corona-Impfung ist ja nur der Anlass."

© SZ vom 01.03.2021
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