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Meine Woche:Erstsemester mit 58

Petra Reichel.

(Foto: Lea Weinmann)

Petra Reichel studiert an der Münchner Seniorenakademie

Von Lea Weinmann

Mama drückt wieder die Schulbank? Ist ja toll, fanden die beiden Kinder von Petra Reichel (). Von dieser Woche an ist die 58-Jährige Studentin an der Münchner Seniorenakademie. Ein bisschen schräg sei das schon, lacht sie: "Die Kinder sind aus dem Haus, und jetzt geht die Mama wieder studieren." Bücher braucht sie keine, Prüfungen gibt es auch nicht, aber dafür einen Stundenplan. Darauf stehen für Petra Reichel von nun an: "Kunst der Renaissance" und "Architektur", jeden Mittwochnachmittag, zehn Wochen lang.

Die Fächer hat sich die Hausfrau selbst ausgesucht. Kunst ist ihre Leidenschaft, in ihrem Haus in Dachau schmücken selbstgemalte Aquarellbilder die Wände. Großformatige Blumenmotive, Stillleben und Landschaften malt sie besonders gerne. Ihr gefällt die Leichtigkeit und Transparenz in den Bildern. Gelernt hat die zweifache Mutter die Malerei in verschiedenen Kursen an der Volkshochschule. Mittlerweile unterrichtet sie auch selbst. Reichel zählt auf: Montags und dienstags leitet sie eine Malgruppe, dann noch die ehrenamtliche Übungsleitung der Seniorengymnastik, mittwochs jetzt die Akademie. Langweilig wird ihr nicht. Man müsse halt am Ball bleiben, meint sie. Von der Seniorenakademie hatte sie noch nie gehört, ihre Schwester erzählte im Mai dieses Jahres davon. Die studiert schon im zweiten Semester, unter anderem Theologie "oder so etwas", aber das hat Reichel nicht so interessiert. Auch der Vortrag über alte Ägyptologie beim Schnuppertag war "ganz okay", aber eben nicht ihres. Deswegen findet sie es gut, dass sie sich die Themen ganz nach den eigenen Interessen aussuchen kann.

"Sophie Scholl" heißt ihr Kurs und trägt damit ebenso wie viele andere Studentengruppen an der Akademie den Namen einer Münchner Persönlichkeit. Ein bisschen eingelesen hat sich Reichel auch schon, zumindest was die Kunst der Renaissance angeht: Welche Farben die damaligen Künstler genutzt haben, welche Perspektiven Anwendung fanden - "das hatte ja alles seinen Grund!" Sonst lässt sie die zehn Wochen, die 200 Euro kosten, einfach mal auf sich zukommen. Reichel freut sich besonders, in ihrer Gruppe Kontakt zu neuen Leuten zu bekommen.

Ein bisschen beäugt haben sich die angehenden Studenten schon beim Schnuppertag der Akademie Ende September. "Lauter neugierige Menschen", fasst die 58-Jährige zusammen. Viele Grauhaarige seien da gewesen, aber auch einige jüngere Senioren. Petra Reichel hat sich unter all den Wissbegierigen direkt wohl gefühlt: "Wir sind wie eine kleine Studentenfamilie."

© SZ vom 05.11.2018

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