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Meine Woche:Ehrenamt mit Verantwortung

Stephan Feist

Stephan Feist.

(Foto: Privat)

Stephan Feist ist Schöffe am Landgericht München I

Von Ilona Gerdom

Wie für viele andere beginnt für Stephan Feist () ein guter Start in den Tag mit einer Tasse Kaffee. Danach macht er sich auf den Weg zu seiner Arbeit als Versicherungskaufmann. Meistens jedenfalls, denn es gibt auch die anderen Tage - da geht es nicht ins Büro, sondern zum Landgericht München I. Dort ist er als Schöffe tätig. Stephan Feist ist für vier Jahre ehrenamtlicher Richter. "Die Grundaufgabe ist, mir durch den Prozess ohne Akteneinsicht ein Bild von den Angeklagten zu machen, um zu einem Urteil zu kommen", erklärt der 33-Jährige. Seine Stimme zählt dabei so viel wie die seines Schöffen-Partners und des Berufsrichters in dem Dreier-Richter-Team.

Schöffe kann in München werden, wer deutscher Staatsbürger und mindestens 25 Jahre alt ist sowie seinen Haupt- oder Nebenwohnsitz hier hat. Feist ist dazu gekommen, indem er sich beworben hat. Wenn sich allerdings nicht genug Freiwillige finden, kann man auch bestimmt werden. Im November 2018 hatte Stephan Feist die Zusage bekommen: "Auf einmal war der Schrieb vom Landgericht im Briefkasten", erzählt er. Mittlerweile hat der Versicherungskaufmann rund 18 Verhandlungstage hinter sich. Eigentlich ist für jeden Monat einer vorgesehen. Manchmal jedoch sind mehrere nötig. Einmal zum Beispiel, so erzählt es der 33-Jährige, zog sich ein Prozess zwei Wochen hin. Feist musste immer anwesend sein, denn: "Als Schöffe musst du von Anfang bis Ende dabei sein, ansonsten platzt der Prozess." Deshalb ist der Arbeitgeber verpflichtet, ihn freizustellen. Sein Gehalt bekommt er trotzdem. Die Rückerstattung übernimmt die Justizkasse. Obendrauf bekommt er sechs Euro pro Stunde.

Vor seiner ersten Verhandlung war Stephan Feist aufgeregt: "Ich habe die Nacht davor kaum geschlafen", sagt er. Kein Wunder, denn das Ehrenamt bringt viel Verantwortung mit sich. Feist erinnert sich gut an einen großen Fall. Eine Haftsache, wie er sagt. Es sei ein "reiner Indizienprozess" gewesen. Da habe er sich den Kopf zerbrochen: "Was wäre, wenn die Justiz falsch entscheidet? Wenn ich mit dafür verantwortlich bin, dass jemand fälschlicherweise ins Gefängnis muss?" Das alles lasse ihn nicht kalt.

Trotzdem bekleidet Stephan Feist das Ehrenamt gerne. Vor allem schätzt er die Abwechslung. "In Summe ist es kurzweilig, weil der Alltag aufgelockert wird." In der Früh ist Feist immer noch neugierig, wenn eine Verhandlung ansteht: "Wird es etwas Kurioses oder etwas Heftiges, das mich berührt?" Was ihn auch erwartet, für Stephan Feist ist klar: "Ich würd's wieder machen."

© SZ vom 19.10.2020

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