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Maxvorstadt:Sprühende Fantasie

Der Graffiti-Künstler Loomit macht aus dem bislang tristen Fußgänger-Tunnel unter der Ludwigstraße ein farbenfrohes Kunstwerk. Die Motive orientieren sich an der Historie der Maxvorstadt

Von stefan Mühleisen, Maxvorstadt

Sie sind zugig, düster und wenig einladend: Fußgänger-Unterführungen sind die tristen Unorte in der sonst so schicken Stadt München. Besonders krass ist der Kontrast zwischen mondäner Oberfläche und unerquicklichem Untergrund im etwa 17 Meter langen Tunnel unter der Ludwigstraße, durch die Passanten von der Von-der-Tann-Straße zum Oskar-von-Miller-Ring gelangen können. "Oben ist Münchens Vorzeigeboulevard, unten dieser hässliche Tunnel", fasst der Vorsitzende des Maxvorstädter Bezirksausschusses, Christian Krimpmann (CSU), das Empfinden des Gremiums zusammen. Also haben die Lokalpolitiker beschlossen, dieser ästhetischen Zumutung ein Ende zu machen: Schon Ende dieser Woche wird sich der öde Durchgang in eine farbenfrohe Passage verwandelt haben.

6000 Euro hat der Bezirksausschuss bereitgestellt, damit der Graffiti-Künstler "Loomit" - mit bürgerlichem Namen Mathias Köhler - auf 100 Quadratmetern Wandfläche für die vielen Passanten ein angemessenes Röhren-Ambiente schafft. Denn die neue Wandgestaltung soll nach dem Willen der Bürgervertreter einen Bezug zur Historie der Maxvorstadt herstellen - ein spannender Auftrag für den etablierten Straßenkunst-Virtuosen Köhler, der schon so einige kahle Unorte verschönert hat, zum Beispiel einen Viadukt in São Paulo. "An solch einem historischen Ort zu arbeiten, konnte ich nicht ablehnen", freut sich Köhler auf das Münchner Vorhaben.

Seine Vorstellung vom neuen Röhren-Gefühl: Auf den bislang grauen Wänden wird sich ein großes München-Comic entfalten, bevölkert mit allerlei historischen Personen und gespickt mit versteckten und offensichtlichen geschichtlichen Bezügen. Köhler fasst das Konzept auch als ironischen Kommentar zur Fresko-Kunst der Wittelsbacher im Arkadengang des Hofgartens auf. "Die hatten auch schon mal ein Problem mit Graffiti", sagt der Künstler augenzwinkernd. Denn die Revolutionäre von 1848 hätten die Fresken verunstaltet, hat er herausgefunden.

Naheliegend also, dass Anklänge an die Liaison von Ludwig I. und seiner Mätresse Lola Montez, die erst zur Staatskrise führte und in die Abdankung des Königs mündete, einen sprühenden Platz bekommt. Auch die Architekten Leo von Klenze und Friedrich von Gärtner, die Maler Wilhelm von Kaulbach und Carl Spitzweg sowie der Vater der Bavaria-Statue, Bildhauer Ludwig Schwanthaler, kommen zu Ehren. Daneben wird viel Architektonisches zu sehen sein: der Königsplatz, die Alte Pinakothek, so manches Prachtbauwerk an der Ludwigstraße und der Obelisk auf dem Karolinenplatz.

Da schau her: Loomit und sein Bildnis der Kaiserin Elisabeth, genannt Sisi.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Für letzteren hat sich Köhler einen besonderen Seitenhieb auf den Namensgeber der Ludwigstraße einfallen lassen: Um den Obelisken soll sich ein Heeresteil der 30 000 gefallenen Soldaten gruppieren, derer der König dort zu gedenken gedachte - und Napoleon wundert sich im Himmel über das Monument. Denn die Männer starben auf dem desaströsen Russlandfeldzug an der Seite Napoleons; doch mit der Gedenk-Inschrift auf dem Sockel deutete Ludwig die Niederlage und das inzwischen politisch peinliche Bündnis um - sie seien für "des Vaterlands Befreyung" gestorben, heißt es da. Gemeint ist damit die Befreiung von der napoleonischen Herrschaft.

© SZ vom 22.04.2016

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