Maxvorstadt:Plunder zum Plündern

Kunst aus Erdnussflips und Teddybären - in einem Schönheitssalon an der Augustenstraße haben Valio Tchenkov und Fabian Vogl eine ungewöhnliche Ausstellung eröffnet

Von Lea Hruschka

Nur wenige Zentimeter hoch sind die Figuren aus Erdnussflips, die hier im Schaufenster stehen. Ein Männchen hat ein rotes Erdbeer-Gummibärchen als Hut auf dem Kopf, ein anderes steht auf einem Kronkorken. Dazwischen finden sich grünliche, schmale Figuren. Sind das Erbsen? Ja, sind es. Denn die Kunst von Fabian Vogl, die noch bis zum Dienstag, 6. Juli, im kleinen Raum eines ehemaligen Ladens an der Augustenstraße 95 zu sehen ist, ist aus ungewöhnlichen Materialien entstanden.

"Plünderkammer" nennt Vogl diese Schau, die er zusammen mit seinem Künstlerkollege Valio Tchenkov auf die Beine gestellt hat. "Nach der langen Corona-Pause wollten wir selbst aktiv werden", erklärt der Pasinger. "Die Kultur ist wieder da", das sei das Signal, welches sie mit ihrer Ausstellung versenden wollen, sagt Vogl, "und Sichtbarkeit", wirft Tchenkov hinterher.

Von ihm stammen die leicht absurden Ölgemälde mit meist dunklen, immer satten Farben. Der Maler pinnt außerdem Gegenstände an seine Bilder, als "Erweiterung des flachen Feldes". Aus einem Bild ragt ein kleiner Teddy-Bär heraus, auf zwei anderen schmücken weiße Kunstfelle das Gemalte. Tchenkovs Werke zeigen einen Kürbis, einen Regenten, ein Pferd. Richtig sicher kann man sich bei seinen Protagonisten jedoch nicht sein, denn Tchenkovs spielerische Gemälde lassen viel Raum für Interpretation. Und was ist das, ein Knochen? "Das sage ich nicht!", sagt Tchenkov lachend, der lieber seine Kunst für sich sprechen lässt.

Kunst im Schönheitssalon, 2021

Die Werke der beiden Künstler sind noch bis zum 6. Juli, im kleinen Raum eines ehemaligen Ladens an der Augustenstraße 95 zu sehen.

(Foto: Robert Haas)

Besagtes Gemälde hängt an einem schimmernden, gold bemalten Wandstreifen. "Das Bild behauptet sich in diesem vorgefundenen Platz", erklärt der 55-jährige Maler. "Und der goldene Hintergrund ist einfach goldig", fügt er mit einem Schmunzeln hinzu. Die goldene Wandfarbe hätten die Künstler so schon im Raum vorgefunden - einem ehemaligen Schönheitssalon. Diese Vergangenheit des Ausstellungsorts scheint zuerst unpassend. Mit einem Augenzwinkern meint Vogl: "Wir machen nicht explizit schöne Kunst, aber Schönheit ist ja flexibel interpretierbar."

Wo die Kunstwerke im Schönheitssalon positioniert sind, sei außerdem Teil des Gesamtkunstwerks, erklären die beiden Aussteller. Besonders für Tchenkov ist immer die "Suche nach einer Nische" wichtig, die Dichte und Enge interessieren ihn. Deshalb begeistert ihn die geringe Größe dieses Ausstellungsraums an der Augustenstraße. "Diese Dichte der Kunstwerke erzeugt Atmosphäre", schwärmt Vogl ebenfalls.

Früher hat Fabian Vogl jedoch noch ganz anders über Weite und Enge nachgedacht. Er ist von seinem Studium des Bühnen- und Kunstbildners in Salzburg geprägt. "Dabei denkt man in weitaus größeren Dimensionen", zieht Vogl den Vergleich zur kleinen Galerie im Salon. Außerdem reist der gebürtige Münchner gerne - zum Beispiel nach Brasilien, Russland oder China, wo er Kunst im öffentlichen Raum gestaltet. Auch dabei ist von einer Nischen-Suche also keine Spur. Dass der 43-Jährige nun zu den winzigen Skulpturen übergegangen ist, liege am Lockdown. Notgedrungen zu Hause, hat der Künstler neue Materialien gefunden: Erdnussflips und Erbsen. Diese brächten interessante Eigenheiten mit sich: Vogl hat festgestellt, dass Erdnussflips durch Sonneneinstrahlung mit der Zeit weiß werden. Deshalb lackiert oder bemalt er sie oft, wie die drei superheldenhaften Figuren, die silber-, rot- und grünschimmernd im Schaufenster stehen.

Kunst im Schönheitssalon, 2021

"Die Leute kommen und plündern den Raum!" So hätten es Fabian Vogl (li) und Valio Tchenkov wohl gerne. Die beiden Künstler setzen auf Humor in der Kunst, das Leben ist eh schwer genug.

(Foto: Robert Haas)

Die Materialien harmonieren mit Vogls Kunstauffassung: Es muss Spaß machen, lustig sein, eine kindliche Freude vorhanden sein - ganz nach Pablo Picasso: "Als Kind ist jeder ein Künstler. Die Schwierigkeit liegt darin, als Erwachsener einer zu bleiben."

Absurde Gemälde, Erbsenfiguren, ein Schönheitssalon - so weit, so schräg. Aber noch steht die Frage im Raum: Warum heißt die Schau "Plünderkammer"? Da lachen die beiden Aussteller. Vogl hatte sich ursprünglich den Titel "Plunderkammer" überlegt. Der gebürtige Bulgare Tchenkov konnte mit dem Wort "Plunder" nichts anfangen und machte auf den Ausstellungseinladungen "Plünder" daraus. "Ich dachte mir: Super! Die Leute kommen und plündern den Raum!", ruft er lachend. Viele stutzten nun beim Lesen des Ausstellungsnamens. "Aber diese kleine Irritation schafft Aufmerksamkeit", freuen sich die beiden.

Und wer weiß? Vielleicht plündern die Besucher die Erbsenfiguren und Gemälde ja tatsächlich. Käuflicherweise. Gelegenheit dazu bietet sich immer dienstags, donnerstags, samstags und sonntags in der Zeit von 16 bis 19 Uhr sowie nach telefonischer Vereinbarung unter den Nummern 0176/50 88 64 40 oder 0171/817 26 13. Eine besondere Aktion findet noch am Freitag, 2. Juli, statt. An diesem Abend bieten die Künstler ein "Bier für 500 Euro, Kunstwerk umsonst!" an - wie üblich bei Fabian Vogl und Valio Tchenkov, mit einem Augenzwinkern.

© SZ vom 26.06.2021
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