Marionettentheater:Das "Viruserl" geht um

Marionettentheater: Die Großmutter ist in der Kasperliade die Vertreterin einer besonders vulnerablen Gruppe.

Die Großmutter ist in der Kasperliade die Vertreterin einer besonders vulnerablen Gruppe.

(Foto: Marionettentheater Bille)

Der Autor Bernhard Setzwein schreibt sein erstes Marionettenspiel: Eine freche Kasperliade zur Pandemie im Stadtmuseum

Von Barbara Hordych

Eine der vielen Eigentümlichkeiten, die als charakteristisch für die Pandemie in Erinnerung bleiben dürften, sind die "Eigentlich"-Geschichten. Eine solche hat auch der Oberpfälzer Autor Bernhard Setzwein wie so viele seiner Künstler-Kollegen und Kolleginnen zu erzählen: Eigentlich hatte er im vergangenen Jahr mit seinem neuen Buch "Das gelbe Tagwerk" auf Lesetour gehen wollen. Aber dann kam Corona, und mit der Pandemie ein ganzes Regelwerk an Verboten, das all den geplanten Auftritten einen Strich durch die Rechnung machte. Stattdessen widmete er sich einem anderen Sujet. Das erste Mal in seinem Leben dichtete er ein Stück für ein Marionettentheater, das unter dem hübschen Titel "Großmutter, das Viruserl und die Zukunft" an diesem Mittwoch, 16. Juni, im Stadtmuseum seine Uraufführung hat.

Ein wenig mutet es wie die Technik des Lügenbarons Münchhausen an, der sich an seinem eigenen Zopf aus dem Sumpf gezogen haben will, wenn Setzwein in der Zoom-Konferenz im Vorfeld der Premiere berichtet, dass er sich mit Hilfe des Stücks "aus dem Sumpf der Melancholie herausgezogen habe". Denn die Arbeit an dem Stück erlaubte ihm, der anhaltenden Debatte um das Corona-Virus und deren Auswüchsen in Talkshows etwas entgegenzusetzen, "spielerisch und anarchisch, wie einst Graf Pocci mit seinen Kasperlstücken", sagt Setzwein. Das Wechsel-Spiel von traditionellen Figuren mit heutiger Thematik und aktuellem Text habe ihn fasziniert. Überdies sei der bayerische diminuitiv "Viruserl" sehr gut geeignet, um den Schrecken klein zu halten.

Als Garanten für die Tradition im Spiel stehen Florian und Wlada Bille vom Marionettentheater Bille, das mit seiner über 200-jährigen Geschichte das älteste seiner Art in Deutschland ist. "Es ist nicht schriftlich belegt, aber der junge Wolfgang Goethe hat den 'Ur-Faust' in einer Aufführung der Billes gesehen, so wird es in meiner Familie weitererzählt, in der das Marionettenspiel schon in der 10. Generation weitergegeben wird", sagt Florian Bille bei der Konferenz. Zu der hatte Sabine Böhlau von der gemeinnützigen Kulturorganisation kairosis geladen, die die Burleske in Kooperation mit der Sammlung Puppenspiel des Stadtmuseums produziert. "Garantiert keine moralinsaure oder pädagogische Angelegenheit", versichert Böhlau.

Das Figurenpersonal in historischem Gewand, in dem Setzwein "universelle Phänotypen" erkennt, stammt aus dem Fundus der Billes: die Großmutter als Vertreterin einer vulnerablen Altersgruppe, Gretl und Kaspar als gewitzte Streiter gegen das "Viruserl" sowie der Kleinkriminelle Thommy Trickser und der Wachtmeister Ampfinger. Letzterer verheddert sich in den Lockdwon-Verordnungen, "um die durchzusetzen, ist er mit einem 1,50 Meter langen Stab unterwegs", sagt Setzwein. Sarkastische Kommentare über das Treiben auf der Bühne steuern eine rappende Vogeldame und ein Fledermausmann mit Wiener Schmäh bei. Die Musik stammt von dem Komponisten und Multiinstrumentalisten Mike Reisinger. Der begleitet seit vielen Jahren den Autor Setzwein bei seinen Lesungen. Eigentlich.

Grossmutter, das Viruserl und die Zukunft, Uraufführung am 16. Juni, 19 Uhr, im Stadtmuseum

© SZ vom 14.06.2021
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