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Marillion und Saga im Konzert:Gutes altes Graubrot

Doppelkonzert von Saga und Marillion im Münchner Circus Krone: Mitreißende Gitarrenriffs, zumindest ein charismatischer Sänger und viele Gassenhauer. Aber von Altersheim keine Spur.

Endlich mal wieder der Jüngste sein. Nein, es ist nicht Nostalgie, die einen in ein Doppel-Konzert von Marillion und Saga lockt - auch wenn wir die Häme (um nur die harmlosesten Sprüche wiederzugeben: "Sind die im Rollstuhl vorgefahren?"; "Ist das nicht Bombastrock oder Glamrock, wie ihr das früher nanntet?"; "Ein Hoch auf die Gerontokratie!") zu spüren bekommen von jenen, denen es vor grauen Haaren noch graut.

"MARILLION" STEVE HOGARTH

Marillions Sänger Steve Hogarth (Archiv): Moppelige Kopie von Bryan Ferry

(Foto: DPA)

In ein Konzert von Marillion oder/und Saga geht man, weil man weiß, dass man musikalisch und textlich anspruchsvolle Rockmusik geboten bekommt. Saga und Marillion sind also ein wenig wie das gute, alte Graubrot, anstatt dieses ganzen neumodischen Schnickschnacks. Das ist Brit Pop bevor es Brit Pop gab. Und obwohl zumindest Saga aus Kanada stammt.

Deshalb versammelt sich hier seit den 80er Jahren vor allem eine fast verschworene Gemeinschaft von Fans, von denen gefühlt 90 Prozent Männer sind. Die Masse war nie die Zielgruppe dieser Band. Daran hat der größte Erfolg nichts geändert, den die Gruppe ausgerechnet - beziehungsweise erwartungsgemäß - mit dem schmusigen Kayleigh erzielte. Und auch die Trennung von ihrem einzigartigen Sänger Fish (der damals klang wie ein neuer Peter Gabriel) und die musikalische Neuorientierung mit Steve Hogarth - hin zu weniger komplizierteren und eher gefälligeren Stücken - ließen sich die meisten Fans gefallen, denn die Kommerzialisierung hält sich in Grenzen.

Beginnen wir mit dem ersten Set. Start 19.30 Uhr. In Europas größtem Zirkus, Circus Krone. Gut gefüllt war das Rondell - etwa so wie bei einer Nachmittagsvorstellung im normalen Betrieb des Zirkus an Wochentagen im Winter. Marillion kann also heute (wie in der Vergangenheit) davon ausgehen, auf ein wohlgesonnenes Publikum zu treffen - und das war bei dem Auftritt in München auch gut so.

Denn das Konzert, es lässt sich nicht anders sagen, war gelinde gesagt furchtbar.

Doch das lag nicht an der Band. Es lag an der Technik. Das Publikum wurde zugedröhnt mit einem Soundbrei, wo man eigentlich einen filigranen Klangteppich hätte hören sollen, den Keyborder Mark Kelly und Gitarrist Steve Rothery wunderbar zu weben im Stande sind, und über dem sonst Hogarths Stimme schwerelos schweben kann. Das aber war nur zu ahnen - wenn man sich die Ohren zuhielt.

Und manchmal auch die Augen, denn Sänger Steve Hogarth bewegt sich und sieht aus wie eine moppelige Ausgabe von Bryan Ferry. Abgesehen davon ist das (soundtechnisch jetzt!) fatal für eine Band, die - anders als früher - auch noch fast ausschließlich auf Atmosphäre setzte, statt auf mitreißende Rhythmen. Das ist fatal für eine Band, in der nur Sänger Hogarth und Bassist Pete Trewavas hin und wieder mal richtig mitgehen, während Kelly und Rothery sich kaum bewegen - wobei man vermuten könnte, dass das bei Rothery mit Gewichtsproblemen zusammenhängt. Der Gitarrist hat nur noch halb so viel Haare wie früher, dafür aber doppelt so viel Gesicht. Aber er ist schließlich Musiker, nicht Model. Und auch früher war er eher der ruhige Typ. Also vergessen wir das schnell wieder.

Doch auch vom Musiker Rothery war wenig mitzubekommen in all dem Gedröhn, das nichts mehr zu tun hatte mit einer Musik, die - wie die Werbung verspricht - an Yes, Genesis und manchmal auch an Tears for Fears oder gar U2, manchmal aber auch an Erasure erinnern soll. Wobei diese Zeiten seit Fishs Abgang ja sowieso vorbei sind - und das war 1988! Wenige Stücke konnten ein Profil entwickeln, darunter etwa Cover my Eyes und das obligatorischen Kayleigh - das einzige Stück, das die Band aus der Fish-Ära übernommen hat.

Doch bei diesem Stück wirkt die Band wie eine schlechte Coverband, dabei will sie das Original sein. Wieviel manchmal an einem Sänger hängt. Manchmal alles.

Nostalgie kam bei den Rezensenten schließlich doch noch auf - und zwar als sich zumindest einer an ein Marillion-Konzert aus dem Jahre 1985 erinnerte, bei dem das zum Teil nach dem Vorbild Fishs geschminkte Publikum sämtliche Songs von vorn bis hinten text- und rhythmussicher mitsang. Das ist wirklich Vergangenheit - und wer eine Ahnung davon bekommen möchte, kann sich die Live-Platte Real to Reel besorgen, die tatsächlich hält, was sie verspricht. In München begeisterte sich das Publikum trotz allem für die Band - und das war gut so.

Diesen Sound hatte Marillion nicht verdient - und so war es ein Glück, dass viele Zuhörer offenbar viele der Songs so gut kannten, dass sie wussten, was sie da eigentlich hören sollten - und nicht das, was tatsächlich zu hören war. Was allerdings deshalb nicht zu hören war, weil Marillion es nicht spielten, ist eines der schönsten Musikstücke aller Zeiten: Easter. Das verzeihen wir Euch nicht. Oder erst, wenn wir uns den Song zu Hause wieder angehört habe. Dann verzeihen wir Euch alles. Hier noch ein Link zu einer Seite, wo das Stück live zu hören ist, falls es Sie interessieren sollte.