Magisterarbeit zum Oktoberfest Einzigartiger Einheitslook

Die Volkskundlerin Simone Egger spricht über ihre Magisterarbeit zum "Phänomen Wiesntracht" und einen Trend, der viele Münchner nervt.

Interview: Wolfgang Görl

Die Volkskundlerin Simone Egger hat eine Magisterarbeit über das "Phänomen Wiesntracht" geschrieben, die unter diesem Titel auch als Buch im Herbert Utz Verlag erschienen ist. Dabei ist sie unter anderem der Frage nachgegangen, warum viele junge Leute seit einigen Jahren in Dirndl oder Lederhosen auf die Wiesn gehen. Simone Egger ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Volkskunde/Europäische Ethnologie an der Ludwig-Maximilians-Universität.

Simone Egger ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Volkskunde und Europäische Ethnologie an der Ludwig-Maximilians-Universität.

(Foto: Foto: Haas)

SZ: Frau Egger, Wiesn und Tracht - hat es die Verbindung schon immer gegeben?

Egger: Im Grunde ja. Nur war es so, dass die Städter im 19.Jahrhundert in ihrer städtischen, bürgerlichen Kleidung aufs Oktoberfest gegangen sind. In den Gründungsjahren um 1810 war in München der Empirestil in Mode, entsprechend fein hat man sich herausgeputzt. Die Landbevölkerung wiederum ist in ihrer regionalen Tracht erschienen. Das waren historische Trachtenformen, oft Festtagsgewänder. Es gab schon Trachten, aber nicht in dem Sinn, in dem es sie heute gibt.

SZ: Wann hat die Modebranche das Oktoberfest für sich entdeckt?

Egger: Die erste Werbeannonce, die ich gefunden habe, stammt aus dem Jahr 1968. Darin wirbt die Firma Loden-Frey explizit mit dem Oktoberfest für ein dreiteiliges Loden-Kostüm und für ein Dirndl. In dieser Zeit zeichnen sich zwei, auf den ersten Blick entgegengesetzte Tendenzen ab: München wird international und besinnt sich gleichzeitig auf seine regionalen Traditionen. Als sich die Münchner 1968 bei den Olympischen Spielen in Mexiko als künftige Olympiastadt präsentierten, trugen die Hostessen alle Dirndl.

SZ: Und warum das?

Egger: Als ehemalige "Hauptstadt der Bewegung" konnte München es sich nicht leisten, allzu deutlich als deutsche Stadt auf der Weltbühne aufzutreten. Also gab man sich bayerisch-traditionell, man suchte Sachen, die bunt und heiter wirken, wie zum Beispiel Dirndl, obwohl man sich damit einer Formensprache bediente, die auch bis 1945 funktioniert hat.

SZ: Es gibt ja seit einigen Jahren auf der Wiesn einen regelrechten Trachtenboom. Sie haben auf den Oktoberfesten 2004 und 2005 die Leute befragt, die traditionelle oder modische Tracht trugen. Was ist dabei herausgekommen?

Egger: Ich war sehr erstaunt, dass die Leute Schlagworte nannten wie Tradition oder Heimat. Die meisten der Befragten haben sich selbst in einen starken Bezug zu München und zu Bayern gesetzt. Stadt und Umland werden offenbar extrem positiv empfunden.

SZ: Blickt man in die bayerische Geschichte, könnte man sich auf sehr viele Traditionen beziehen. Welche haben denn die Befragten genannt?

Egger: Es ist so: Die Leute verweisen auf eine gute alte Zeit, aber keiner konnte sagen, wann die gewesen sein soll. Ob das mit König Ludwig I. oder mit dem Prinzregenten zu tun hat, ließ sich nicht herausfinden. Ohne eine genauere Vorstellung davon zu haben, sehen sich die Leute in einer langen Tradition - auch wenn etwa die Dirndl historisch nichts mit dem Oktoberfest zu tun haben. Dem Thema Verortung kommt in der Gegenwart ganz große Bedeutung zu.

SZ: Mit der Tracht im traditionellen Sinn haben die heutigen Kreationen aber doch wenig zu tun.

Egger: Ich unterscheide so: Es gibt auf der einen Seite historische Trachtenformen und auf der anderen Seite die Trachtenmode, die sich immer weiter ausdifferenziert. Die Leute betrachten Dirndl und Lederhose als Tracht - ich hab' das auch so stehengelassen, weil es so wahrgenommen wird.

SZ: Aber ist die derzeitige Trachtenbegeisterung nicht einfach nur ein Modetrend, wie es ihn in früheren Jahrzehnten auch immer wieder mal gab.

Egger: Ich glaube, es geht über einen Modetrend hinaus - der wäre mittlerweile schon wieder beendet. Die Tracht bietet mehr: Sie erlaubt es den Trägern, sich einer Gemeinschaft zugehörig zu fühlen - sogar dann, wenn man gar nicht aus München oder Bayern stammt. Für einen Fremden ist es leichter, ein Dirndl oder eine Lederhose anzuziehen, als einen Dialekt zu lernen. Über die Bekleidung kann er aber bekunden: Ich bin so wie ihr. Andererseits zeigt sich auch ein Streben nach Individualität, wenn die Leute die Tracht eigenständig verändern oder mit ganz anderen Sachen kombinieren. Man will dazugehören und zugleich herausstechen.

SZ: Könnte man nicht auch sagen, die Wiesntracht ist bei jungen Leute die Verkleidung für eine Party, die 16 Tage lang auf der Theresienwiese stattfindet?

Egger: Ich würde nicht sagen, dass es eine Verkleidung ist. Die Leute ziehen sich so an, um in eine Rolle zu schlüpfen.

SZ: In welche Rolle?

Egger: Im Grunde ist jeder Einzelne ein kleiner Werbeträger für die Stadt.

SZ: Also ein Triumph für Frau Weishäupl.

Egger. Da würd' ich hundertprozentig zustimmen.