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Lyrik:"Ich bin eine Löwin"

Vom freizügigen Vers aus dem siebten Jahrhundert bis zum zeitgenössischen Gedicht über Krieg, Flucht und Exil: Schauspielerin Carola Wegerle stellt im Eine-Welt-Haus Lyrik arabischer Dichterinnen vor, die sich westlichen Klischees widersetzt

Von Jutta Czeguhn

Carola Wegerle schaltet um von ihrer rasanten Konversationsstimme zum klar akzentuierten, ruhigen Sprachduktus einer ausgebildeten Schauspielerin. "Heilung von der Liebe heißt Küssen und Umarmen und dass ein Bauch sich auf den anderen reibe,/heißt Stoßen, dass die Augen übergehen und Zerren an Haut und Haaren..." Das Gasteig-Bistro, wo man Wegerle trifft, ist reich an Störgeräuschen, Tassen klappern, Kaffeemaschinen zischen, Stühle werden polternd verrückt. Und doch scheinen sich die Verse wie von selbst ihren akustischen Raum zu nehmen. An den Nebentischen verstummen die Gespräche. Was sind das für freimütige poetische Mitteilungen nachmittags zwischen Cappuccino und Eclairs?

Umm Ad-Dahhak Al-Muharibiya ist der Name der Dichterin, die sich hier so blutschwer wie explizit nach ihrem Gatten sehnt. Eine derart spontane Kontaktaufnahme ihrer Zeilen mit einem Publikum hat sie sich wohl nicht im Entferntesten vorstellen können. Al-Muharibiya lebte, so viel ist zumindest bekannt, irgendwo im arabischen Sprachraum, in vorislamischer Zeit. Im siebten Jahrhundert. Carola Wegerle hat große Freude an der Wirkung dieser Poesie und zitiert gleich noch ein Gedicht, das ohne den Schonbezug von Metaphern die Dinge beim Namen nennt. Das Wort "Penis" kommt darin vor. Eine persische Lyrikerin, die für ihren überaus freizügigen Lebenswandel bekannt war, äußert sich hier mit lächelnder Verachtung über das beste Stück eines Verehrers. Thawab Bint Abdallah Al-Handhalia, man ahnt es nun schon, dichtete ihre Skandal-Zeilen ebenfalls vor langer Zeit, vor mehr als 1200 Jahren.

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"Und das, was sie an Bitterem und Süßem aus dem Kelch/der Liebe/tranken, war nur der Bodensatz von dem was ich/getrunken". Aus einem Gedicht der Lyrikerin Ashraka Al-Muharibiya, die in vorislamischer Zeit lebte.

(Foto: Alasdair Turner/imago)

Auf dem Bistrotisch vor Wegerle liegt ein Buch, "Die Flügel meines schweren Herzens - Lyrik arabischer Dichterinnen vom 5. Jahrhundert bis heute" lautet der Titel. Der schmale Band im DIN-A5-Format, schön eingepackt in goldtürkisfarbenes Arabeskendesign, ist mit bunten Page-Markern gespickt. "Ich habe mich in dieses Buch verliebt", sagt Wegerle, es sei ein "Schatz", den sie nun unbedingt für die Öffentlichkeit heben will: mit einer Lesung am 2. Oktober im Eine-Welt-Haus. Die Lyriksammlung biete überraschende Einblicke in das Selbstverständnis arabischer Dichterinnen und lade ein westliches Publikum ein, überstrapazierte Klischees von der Orientalin hinter sich zu lassen.

Wegerle, 1964 in Karlsruhe geboren, hat ein paar Jahre Islamwissenschaften studiert, ehe sie sich der Schauspielerei zuwandte. Von Kindheit auf fasziniert vom 1001-Nacht-Orient, hat sie später arabische Länder bereist und jene, von intensiver Karl-May-Lektüre eingeimpften Zerrbilder über Bord geworfen. Oft war sie allein unterwegs, was ihr tiefe Einblicke erlaubte in den Alltag der Frauen dort. "Egal ob Analphabetin oder Hochschuldozentin, ich habe sehr gestaunt über die Kraft der orientalischen Frauen", erzählt sie. Die Anthologie nun, erschienen im Manesse-Verlag, bestätigt das für Wegerle aufs Wundervollste. Die Poesie der darin versammelten Dichterinnen unterschiedlicher Epochen bringe einen dazu, eingefahrene Vorstellungen zu hinterfragen und weit über den eigenen Sprachrand zu schauen. Wegerle, die selbst auch Romane und Sachbücher schreibt, attestiert dem irakstämmigen Herausgeber Khalid Al-Maaly, der die Gedichte zusammen mit Heribert Becker auch übersetzt hat, eine sensible Großtat, denn die Gedichte oder Gedichtfragmente sind zum ersten Mal überhaupt in deutscher Sprache zu lesen.

Schauspielerin Carola Wegerle

Carola Wegerle, Schauspielerin.

(Foto: Magdalena Rodziewicz / CC BY-SA 4.0)

Gerade die Texte aus vorislamischer Zeit faszinieren. Sie wurden, wie der Herausgeber im Nachwort schreibt, "über Generationen und Jahrhunderte hinweg nur mündlich überliefert". Auch wenn ihre Authentizität nicht immer vollends verbürgt ist, weil Niederschriften erst von der Mitte des neunten Jahrhunderts an üblich waren, erzählen sie doch von einer Epoche, in der es für die arabische Frau offenbar mehr Freiräume gab, als man sich heute vorstellen kann. Sie durfte sich ihren Mann selbst wählen und konnte sich auch jederzeit wieder von ihm trennen. Sprachlich sind die Verse dieser frühen Dichterinnen zuweilen Meisterwerke der Beschränkung, die lakonisch knapp Anbeter und Liebhaber abwatschen. Dann wieder singen sie den Männern mit drängendem Begehren in erotisch weichen Texturen, in einem Platzregen aus Metaphern hinterher. Es gibt Gemütsfinsternis, Tobsuchtsanfälle, Wiegenlieder. Viel, um ein Publikum, das gewiss anfangs fremdeln wird, aus der Reserve zu locken.

Auf die Poetinnen aus vorislamischer Zeit folgen im Band jene Frauen, die in den kulturellen Hochburgen der abbasidischen Epoche (8. bis 13. Jahrhundert), in Bagdad, Basra oder Córdoba dichteten. Hochgebildet in den Künsten, führten sie nicht selten Salons - und waren doch (Sex-)Sklavinnen, Unterhaltungsbeilagen der Herrscher. Nur wenige dürften, wie Aisha Bint Ahmed Al-Qurtubia, eine Meisterin der Metrik, in der zweiten Hälfte des zehnten Jahrhunderts ein autonomes Dasein geführt haben. Selbstbewusst schrieb sie: "Ich bin eine Löwin, doch geb' ich mich nicht zufrieden damit, mein Leben lang jemandes Ruhelager zu sein."

Kaouther Tabai

Kaouther Tabai, Lyrikerin und Übersetzerin.

(Foto: privat)

Zwischen dem Mittelalter und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verstummen die Dichterinnen in der Anthologie. Laut Herausgeber ist die literarische Qualität weiblicher Lyrik in dieser langen Zeitspanne "sehr uneinheitlich" gewesen. So überspringt er diese Lücke und setzt wieder ein mit Versen der Irakerin Nazik Al-Mala'ika (1923-2007), die erste, die laut Herausgeber Al-Maaly im arabischen Sprachraum den freien Vers einführte. Die Lyrikerinnen des 20. und 21. Jahrhunderts sind mutige Stimmen. "Ich bin die Tochter jenes Schädels/Der an der Grenze gefunden wurde/Ich bin die Mutter jenes kleinen Mädchens/Das seinen Körper in den Flüchtlingscamps verkaufen muss...", schreibt etwa die Iranerin Mariam Al-Attar, Jahrgang 1987. Die Frauen - Carola Wegerle wird in der Lesung alle ausgewählten Autorinnen mit Kurzbiografien vorstellen - sind Journalistinnen, Verlegerinnen, Dozentinnen oder Unternehmerinnen. Nicht wenige leben heute im erzwungenen oder selbst gewählten Exil, weil in ihren Heimatländern das unverschleierte Wort, zumal von Frauen, als Bedrohung gilt. Und doch sollte man sie als Künstlerinnen wahrnehmen und nicht zu Opfern degradieren.

Carola Wegerle klappt den Lyrikband an einer der markierten Stellen auf. Mit dem Buchbändchen im Knick liegen die Seiten da wie die Flügel eines Falters. Von der Mitte aus treiben, ohne Zwang zur Symmetrie, die Schriftbilder auseinander, um den weißen Raum zu schwärzen, das zartflüchtige Arabische und das bodenständige Lateinische. Für die Neuauflage der Anthologie, die 2008 erstveröffentlicht wurde, hat Khalid Al-Maaly der deutschen Übersetzung das arabische Original gegenübergestellt. Wegerle will dies in ihrer Lesung akustisch aufgreifen. Die Münchner Lyrikerin und Übersetzerin Kaouther Tabai wird die Gedichte in Arabisch vortragen. Sie stammt aus Tunesien, schreibt selbst Lyrik und weiß um die Macht der Verse: "Mein Vater versöhnte meine Mutter nach Streitereien mit Gedichten, eigenen und geliehenen."

Aghiad Alsagher

Aghiad Alsagher, Violinist.

(Foto: privat)

Der Abend im Eine-Welt-Haus soll keine rein weibliche Angelegenheit sein, weder im Publikum noch auf der Bühne. Der junge Syrer Aghiad Alsagher hat an den Musikhochschulen von Damaskus und Homs studiert, der Violinist war auch Mitglied im "Syrian National Arab Orchester". Nach seiner Flucht 2015 nach Deutschland nahm er sein Musikstudium in Regensburg und anschließend in München wieder auf, das zu seiner Wahlheimat geworden ist. Beim Abend im Eine-Welt-Haus wird Alsagher auf einer Kurzhalslaute, der Oud, spielen. Deren Töne sich mit dem Klang der Poesie vermählen werden.

"Die Flügel meines schweren Herzens", arabische Lyrik, gelesen auf Deutsch und Arabisch von Kaouther Tabai und Carola Wegerle, mit Musik von Aghiad Alsagher, 2. Oktober, 19.30 Uhr, Eine-Welt- Haus, Schwanthaler Straße 80, der Eintritt ist frei.

© SZ vom 28.09.2019

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