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Literatur:Wenn Regeln die Zärtlichkeit ersetzen

Feldafing, Villa Waldberta

Dank Stipendien wieder in München: Volha Hapeyeva.

(Foto: Georgine Treybal)

Die belarussische Autorin Volha Hapeyeva, die nun für längere Zeit in München lebt, hat ihre Kindheitserinnerungen veröffentlicht

Von Antje Weber

Spielsachen gab es wenige in Volha Hapeyevas Kindheit. Das Einzige, was den Kindern Ende der Achtzigerjahre in Belarus immer zur Verfügung stand, war die Sprache, ob in Spottversen oder Beschwörungsformeln. "Worte waren unser Kapital", schreibt die Autorin in ihrem jüngst erschienenen Roman "Camel Travel". "Wir glaubten, dass Worte die Realität verändern, uns schützen oder unsere Peiniger strafen konnten."

Glaubt sie heute immer noch so stark an die Macht der Worte? "Es ist noch schlimmer geworden", sagt Volha Hapeyeva bei einem Treffen am Bildschirm und lacht. Nicht zufällig hat sie Linguistik studiert und unterrichtet; neben der Bedeutung von Wörtern seien für sie zum Beispiel stets auch die Intonation und der Kontext wichtig. "Psychotherapeuten würden es wahrscheinlich für ,nicht normal' halten, so viel Aufmerksamkeit auf Wörter zu richten", sagt sie. "Es hat mein Leben auch ein bisschen schwieriger gemacht."

Das ist dezent untertrieben. Ihre Leidenschaft für Sprache hat die Autorin, Linguistin sowie Übersetzerin in Minsk ins Visier des Geheimdienstes gerückt; seit bereits 2019 lebt sie im Ausland. Es ist eine Stipendiaten-Odyssee: Nach einem Jahr als Stadtschreiberin in Graz kam Hapeyeva im vergangenen Herbst vier Monate als Stipendiatin in der Künstlervilla Waldberta in Feldafing unter. Im Januar und Februar war sie "Artist in Residence" im niederösterreichischen Krems. Und nun ist sie wieder in München eingetroffen: Für März und April dockt Volha Hapeyeva mit einem Forschungsstipendium an der Internationalen Jugendbibliothek an. Und von Mai an wird sie hier über das "Writers in Exile"-Programm des PEN für eine längere Zeit Unterstützung und eine Wohnung bekommen, zunächst 18 Monate. Wie froh sie darüber ist, kann man selbst am Bildschirm deutlich spüren: "München fühlt sich schon wie zu Hause an."

Hier wird Volha Hapeyeva in diesem Frühjahr zunächst in der Jugendbibliothek moderne, nicht-gereimte Gedichte für eine Anthologie sammeln, die auf Belarussisch und vielleicht auch Deutsch erscheinen soll. In Belarus sei die Literatur für Kinder bisher "zu traditionell", sagt Hapeyeva, und überhaupt habe es die Lyrik immer noch schwer: "So viele Menschen haben Angst vor Poesie." Das merkt sie derzeit auch daran, dass ihr Roman "Camel Travel" (Droschl Verlag) mehr Aufmerksamkeit erfahre als der im Herbst erschienene Gedichtband "Mutantengarten" (Edition Thanhäuser).

Nun muss man dazu sagen, dass auf "Camel Travel" zwar Roman draufsteht, sich dahinter jedoch autobiografische Skizzen verbergen; die federleicht hingetupften Anekdoten und Reflexionen verbinden sich zu einem alles andere als nostalgisch verklärenden Erinnerungsbuch einer Kindheit, das bei aller Unerbittlichkeit des Urteils auch von leisem Witz durchzogen ist. Die Autorin will mit diesem Buch zu einem besseren Verständnis ihrer eigenen Generation beitragen: Es sind die heute etwa Vierzigjährigen, die am Ende der Sowjetzeit geboren wurden, in den Neunzigerjahren die kurze Phase der Unabhängigkeit erlebten und schließlich den Übergang zur heutigen repressiven Gesellschaft unter Präsident Alexander Lukaschenko - gleich drei Epochen innerhalb einer Kindheit, wie Hapeyeva darlegt.

Das führte zu unterschiedlichsten Prägungen, die sie in "Camel Travel" herausarbeitet. Ihre Ich-Erzählerin lernt Schmerzen bei der Sportgymnastik zu ertragen und Härte im Verhalten der Erwachsenen: "Zärtlichkeit, Zuneigung, Rührung - das musste überwunden werden." Sie lernt, dass "Regeln, Regeln und noch mal Regeln" über allem stehen - aber auch, dass man sie hinterfragen und Schlupflöcher finden kann. Und sie will nicht akzeptieren, dass Mädchen nicht Ball spielen, sondern ans Heiraten denken sollen. Es ist die Geschichte einer Entwicklung, einer Emanzipation in vielen kleinen Schritten.

Volha Hapeyeva hat sich von Rollenerwartungen freigemacht, sie ist den Zwängen des Systems entronnen; der Gesellschaft ihres Landes insgesamt ist das bisher nicht gelungen. Wie beurteilt sie die derzeitige politische Lage in Belarus, wo nach Monaten der Demonstrationen zahlreiche Oppositionelle im Gefängnis sitzen oder das Land verlassen haben? Hapeyeva erzählt von ihrem Verleger, der Angst vor Repressalien habe. "Für mich sind die Menschen Helden, die dort noch weiterarbeiten." Auch wenn sie wenig Hoffnung auf eine baldige Lösung hat, glaubt sie doch, dass bereits eine neue Ära beginne. Das Ende des Präsidenten sei "eine Frage der Zeit"; traurig sei jedoch das Leid so vieler Menschen, die ja jetzt lebten und nicht erst in zwanzig Jahren.

Was da hilft? Im Falle Volha Hapeyevas vorerst vielleicht die Planung diverser Buchprojekte; sie hat unter anderem sogar angefangen, Gedichte auf Deutsch zu schreiben. Für einen Rückzug in die Fantasie ist diese Autorin überhaupt gut gerüstet; in ihrer Kindheit hat sie schließlich auch gelernt, dass man ohne ein Klavier lernen kann, Klavier zu spielen - auf einem bemalten Stück Tapete. "Es brachte mir bei zu träumen und daran zu glauben, dass in deiner vorgestellten Welt alles möglich ist", schreibt sie. "Und dass niemand sie dir nehmen kann."

© SZ vom 18.03.2021
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