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Lesung:Meister im Ruhestand

Georg Schramm

Alte Meister unter sich: Georg Schramm in Stillleben-Pose mit Hund und dem aktuellen Objekt seiner Betrachtungen. An der Wand das Bild "Trauriges Mädchen" vom Karikaturisten Michael Sowa nach Renoir.

(Foto: privat/Isa Fritz)

Vor sechs Jahren hat sich Georg Schramm vom Kabarett verabschiedet. Nun kehrt er zurück, um in München Thomas Bernhard zu lesen

Interview von Oliver Hochkeppel

Auf gewisse Weise blieb Georg Schramm dem erlernten Beruf des Psychologen immer treu. Denn auch als Kabarettist drang er von Ende der Achtzigerjahre an mit seinen bis ins Detail durchkomponierten Figuren, allen voran der messerscharf polternde kriegsversehrte Rentner Lothar Dombrowski, tief in Seele und Geist seiner Zuschauer ein und wurde so - mit TV-Sendungen wie "Scheibenwischer" und "Neues aus der Anstalt" als Multiplikator - zum Gewissen der Kabarett-Szene. 2014 erklärte er seinen Abschied vom Solo-Kabarett und trat nur noch gelegentlich als Laudator, Moderator oder Ensemblegast auf. Am Montag, 14. September, ist er nun beim "Flying Circus" im Innenhof des Deutschen Museums wieder einen ganzen Abend alleine zu sehen: mit einer Lesung von Thomas Bernhards Roman "Alte Meister" - allerdings nach der Comic-Version von Nicolas Mahler.

SZ: Wie kamen Sie auf "Alte Meister"?

Georg Schramm: Anfang März habe ich noch ein paar alte Versprechen eingelöst, einen Gastauftritt bei Arnulf Ratings "Politischem Aschermittwoch" und eine Moderation beim Hansa Varieté Theater in Hamburg. Dabei bin ich krank geworden, habe hohes Fieber bekommen und musste das abbrechen.

Womöglich Covid-19?

Mein Hausarzt hat mir nur Bettruhe verordnet und gesagt, wenn es nach zwei Tagen nicht besser ist, müssen wir uns was einfallen lassen. Im Nachhinein vermute ich: Der hat deshalb keinen Test gemacht, weil er gar keinen hatte. Jedenfalls lag ich dann blöd in meinem Wohnzimmer und habe aus dem Stapel "Sollte ich irgendwann lesen" in meinem Regal etwas herausgegriffen. Und das war der Comic von Nikolaus Mahler zu Bernhards "Alte Meister". Den fand ich sehr komisch und habe zu meiner Frau gesagt, wenn ich noch mal was machen würde, dann daraus lesen und dazu die Bilder zeigen.

Es wird also wirklich eine Comic-Lesung mit Bilderprojektion?

Genau, denn ein paar Tage später hat mich der Till Hofmann von der Lach- und Schießgesellschaft und dem Lustspielhaus angerufen und gefragt, ob ich nicht noch mal irgendwas bei ihm machen will. Als ich ihm von meiner Idee erzählte, sagte er: "Den Nicolas Mahler kenn' ich gut, ruf den an, der ist toll." So kam ich aus der Nummer nicht mehr raus. Ich dachte erst, vielleicht nehm' ich dem was weg, es ist ja Seins. Aber im Gegenteil, ich hab' Mahler in Wien besucht, und er sagte, dass er überhaupt nicht gerne auf der Bühne steht und glücklich ist, wenn er nur zeichnet. Wenn ich also möchte, dann gerne.

Wie gingen Sie das dann an?

Ursprünglich dachte ich daran, es im "Bellevue di Monaco" zu machen, wo ich auch Mitglied bin. Ich habe da schon einmal Philip Roth gelesen, und das war sehr schön. Außerdem dachte ich an eine kurze Corona-Fassung, damit danach auch noch andere spielen können, die keine materiell abgesicherten Rentner, sondern existenziell von den Auftritten abhängig sind. Das war damals mein Standpunkt. Aber das Problem ist jetzt ein ganz anderes: Die Leute gehen überhaupt nicht mehr in die kleinen Bühnen. Der Till sagte, ich würde im Deutschen Museum keinem was wegnehmen, also habe ich es jetzt abendfüllend gestaltet.

Das Ganze ist also eigens für München entstanden?

Ja. Ob es weitere Vorstellungen gibt, steht völlig in den Sternen. Am tollsten wäre natürlich die irre Idee von Till Hofmann und Josef Hader, es im Kunsthistorischen Museum Wien zu machen, wo ja der ganze Roman spielt. Dafür würde ich noch Geld dazugeben. Auf jeden Fall wollte ich es vor der Münchner Premiere zumindest einmal ganz klein ausprobieren, deshalb machen wir es am Tag davor im Alten Speicher in Ebersberg. Eine Probevorstellung, damit ich mir nicht vor Angst in die Hose mache. Ich muss ja auch am Computer die Bilder weiterklicken, ich trau mir da nicht über den Weg. Wenn ich es einigermaßen hinkriege, könnte es sehr schön werden, denn der Text ist hinreißend, und die Bilder vom Nicolas Mahler auch. Je länger ich dran gesessen habe, umso mehr habe ich gemerkt, wie toll er das gemacht hat. Er hatte übrigens als Lektor für den Comic den gerade erst verstorbenen Raimund Fellinger, der bei Suhrkamp auch der Lektor von Thomas Bernhard war.

Worin unterscheiden sich denn Roman und Comic an stärksten?

Sagen wir mal so: Bei einem Comic hat man natürlich nicht ansatzweise Platz für 330 Buchseiten, also hat Mahler es radikal verdichtet. Für eine Lesung ist das wiederum viel zu wenig, aber er hat mir genau wie Suhrkamp freie Hand gegeben, also habe ich es wieder stark erweitert. Doch ich bin ja immer ängstlich und fürchte, dass die Leute klagen werden: Ausgerechnet das hat er weggelassen, wo Bernhard die österreichischen Politiker zehn Seiten lang vernichtet. Aber das hätte sonst eine Unwucht bekommen.

Wobei sich in der österreichischen Politik eher nicht viel verändert hat.

Ja, es gibt ein paar Passagen, da bin ich fast versucht, darauf hinzuweisen, dass Thomas Bernhard 1989 gestorben ist. Falls das also auf lebende österreichische Politiker zutrifft, ist es nicht zufällig, aber er kannte sie gar nicht.

Eines ihrer früheren Programme hieß "Thomas Bernhard hätte geschossen", Sie sind also ohnehin ein Verehrer des Groß-Polemikers?

Ja, und gerade jetzt passt er zu meiner Stimmung. Und eigentlich auch zur Stimmung im Land. Zur Fahne der politischen Korrektheit, um die er sich einen Scheißdreck geschert hat. Die Qualität seiner Verbalinjurien ist schon außergewöhnlich.

Darin sind sich Bernhard und ihr Lothar Dombrowski ja sehr ähnlich.

Ich habe sogar kurz ausprobiert, das als Dombrowski zu lesen, bin aber kläglich gescheitert. Das hat hinten und vorne nicht gestimmt. Jetzt mache ich das, was ich jahrzehntelang sorgfältig vermieden habe: Ich lese es als Georg Schramm.

Sie haben Ihren Rückzug vom Kabarett seinerzeit auch damit begründet, dass der Dombrowski gewissermaßen auserzählt war. Ist er das nach wie vor?

Für ein Soloprogramm sehe ich das immer noch so. Wobei mir wichtig ist, dass man meinen Rückzug nicht nur dem Dombrowski in die Schuhe schieben darf: Mir selbst war der Witz abhanden gekommen, der Humor. Meine Frau hat bei den letzten Texten gesagt: Das ist ganz schön, jetzt müsste es nur noch lustig sein. Bei mir besteht ja immer die Gefahr, dass es ein Volkshochschulkurs mit erhobenem Zeigefinger wird. Damit das nicht passiert, habe ich den Dombrowski im letzten Programm scheitern lassen. Der Trick ist aber nicht wiederholbar, mit Scheitern kann man nicht ewig arbeiten.

Sie hätten ja auch noch andere Figuren wie den Oberstleutnant Sanftleben oder den aus der Zeit gefallenen alten Sozialdemokraten und Drucker August.

Mein sehr geschätzter Kollege Josef Hader hat mir gesagt, für ihn sei der August immer schon die spannendere Figur gewesen, mit der größeren Fallhöhe. Aber der August war für mich immer schwierig, weil er eigentlich der Charakter meines Vaters war. Man kann ihm nicht beliebige aktuelle Themen aufdrücken. Und auf der Bühne war er immer schutzlos und vor allem dem bräsigen Schulterklopfen von CDU- und FDP-Wählern ausgeliefert. Ein Albtraum für mich. Ich gebe aber zu, dass ich der Figur noch was schulde.

Planen Sie also doch einen Rücktritt vom Rücktritt?

Das kleinste Problem für mich wäre zu sagen, ich würde mir gegenüber wortbrüchig. Das ist mir völlig wurscht. Ich gebe zu, dass ich zu Hause dauernd Skizzen mache zu einer Programmidee mit dem Arbeitstitel "Godesberger Elegien - Eine sozialdemokratische Patientenverfügung". Aber ich bin ein Angsthase. Bei dem Thomas-Bernhard-Text, da kann ich mich draufsetzen. Das kann misslingen, aber ich weiß, da ist Qualität vom ersten Satz an.

Georg Schramm, Montag, 14. September, 20 Uhr, Innenhof Deutsches Museum, Museumsinsel 1

© SZ vom 12.09.2020

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