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Lerchenau:Zugriff aufs Virginia-Depot

Biotop im ehemaligen Virginia-Depot in München, 2014

Gefährdete Schönheit: Der Bezirksausschuss will, dass weiterhin ein Zaun das Biotop abriegelt - auch wegen vermuteter Munitionsreste.

(Foto: Stephan Rumpf)

Neben dem Biotop sollen auf einem Areal von circa 6,3 Hektar eine Berufsschule, eine Flüchtlingsunterkunft und weitere Gewerbeflächen entstehen. Vor allem Umweltschützer üben Kritik an den Plänen der Stadt

Von Jerzy Sobotta, Lerchenau

Nur durch den Namen einer unscheinbaren Brücke wird man heute noch daran erinnert, dass einst Panzer die Schleißheimer Straße überquert haben. Die so genannte Panzerbrücke, die die beiden ehemaligen Militärgelände der Kronprinz-Rupprecht-Kaserne mit dem Virginia-Depot verbunden hatte, steht heute noch, obwohl von Panzern weit und breit nichts mehr zu sehen ist. Sie bildet die nördliche Grenze für ein neues Quartier, das auf einem Teil des Virginia-Depots entlang der Schleißheimer Straße gleich gegenüber von BMWs Forschungs- und Innovationszentrum (FIZ) entstehen soll. Während sich der Autokonzern einen großen Teil des ehemaligen Kasernengeländes einverleiben wird, haben Stadtplaner und Kommunalpolitiker rund zwei Jahrzehnte über die Nutzung auf dem Virginia-Depot diskutiert.

Nun wurde ein Flächennutzungsplan für das Gelände entwickelt: Neben den großen Biotopflächen sollen dort auf 6,3 Hektar eine Berufsschule, eine Flüchtlingsunterkunft und weitere Gewerbeflächen entstehen. Noch befindet sich die frühere Bundeswehranlage im Besitz der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima), soll aber teilweise von der Stadt und dem Freistaat aufgekauft werden.

Berufsschule mit Sportanlagen

Dass auf dem Virginia-Depot eine Schule entstehen könnte, ist schon lange im Gespräch. Nun zeichnet sich ab, dass hier ein "Berufliches Schulzentrum für Mobilität und Fahrzeugtechnik" entstehen soll, das mehr als 2000 Berufsschülern eine Lehrstätte bieten wird. Wie das städtische Bildungsreferat auf Anfrage der SZ bestätigte, sollen drei Berufsschulen, die derzeit am Elisabethplatz in Schwabing untergebracht sind, in die Lerchenau umziehen. Unter ästhetischen Gesichtspunkten wird der Umzug für die Schüler und Lehrer sicher keine Verbesserung, denn sie müssen dann das historistische Gebäude der alten Volksschule verlassen, das 1900 von dem berühmten Architekten Theodor Fischer entworfen worden ist. Allerdings könnte die unmittelbare Nähe zu BMW für die Berufs- und Fachschulen für Kraft- und Fahrzeugtechnik, Eisenbahn und Elektromobilität durchaus fachliche Vorteile bringen. Weil das Virginia-Depot von der Stadt isoliert ist, hatte es der örtliche Bezirksausschuss vor knapp drei Jahren als Schulstandort abgelehnt. Allerdings war der Standort damals noch für das Gymnasium im Gespräch, das diesen Monat am Lerchenauer Feld eröffnet wurde. Die Planungen für den Umzug der Berufsschulen seien aber noch ganz am Anfang, teilte das Referat für Bildung und Sport mit. Es machte keine Angaben zu der weiteren Nutzung der früheren Volksschule in Schwabing. Sicher ist allerdings schon jetzt, dass die Schule mit einer Turnhalle, einem Fußballfeld, Allwetterplätzen und einer Beachvolleyballanlage ausgestattet sein wird. Außerhalb der Schulzeiten sollen diese auch örtlichen Sportvereinen zur Verfügung stehen, was dem Mangel an Sportstätten in der Lerchenau und Feldmoching zumindest ein Stück weit mindern könnte.

Flüchtlingsunterkunft

Ebenfalls geplant ist eine Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge, die von der Regierung von Oberbayern betrieben wird. Sie ist für etwa 200 Menschen als "Anschlussunterbringung" konzipiert, also für Flüchtlinge, die bereits in einer Erstaufnahmestelle registriert worden sind. Die Bewohner sollen auf drei Stockwerken untergebracht werden. Ob die Unterkunft direkt an der Schleißheimer Straße liegen wird oder weiter westlich hinter der Berufsschule, ist noch nicht beschlossen. Als die Pläne vergangenen November erstmals öffentlich geworden waren, hatten Lokalpolitiker im Bezirksausschuss heftig gegen diesen Standort protestiert. Aus humanitären Gründen, denn die abgelegene Lage biete keine Möglichkeit für die Integration der Bewohner. Gebaut wird die Unterkunft dennoch.

Gewerbegebiet

In direkter Nachbarschaft entsteht zudem ein Gewerbegebiet. Geplant sind zwei Gebäude auf einer Fläche von etwa einem Fußballfeld, die Gewerbebauten würden dabei von Süden her über den Schätzweg angefahren werden. Das städtische Planungsreferat spricht von "höherwertigem Gewerbe rund um das Thema Automobil". Ähnliche Gewerbeflächen finden sich bereits südlich des Schätzwegs in Nähe zum BMW-Standort.

Biotop

Schule, Flüchtlingsunterkunft und Gewerbe werden im südöstlichen Bereich des Virginia-Depots gebaut. Rund 20 Hektar, also ein Großteil des früheren Militärareals, werden weiter als Biotop- und Ausgleichsfläche genutzt. Auf den Magerrasenflächen leben viele seltene Tier- und Vogelarten, um die sich auch der Landesbund für Vogelschutz kümmert. Weil sich im Boden Munitionsreste befinden könnten, will die Stadt das Gelände vorerst nicht ankaufen. Aus Sicherheitsgründen ist es durch einen Zaun abgeriegelt und nicht für Spaziergänger zugänglich. Einige Umweltschützer und die Mitglieder des Bezirksausschusses wollen, dass das so bleibt. Denn Menschen und Hunde könnten die empfindlichen Biotopflächen beschädigen. Klimaanalysen haben zudem ergeben, dass das Gelände eine hohe bioklimatische Bedeutung hat: Es bringt Kaltluft aus dem Südwesten in die Stadt.

© SZ vom 16.09.2020
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