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Leben in München:Ach, wie schön ist die Anonymität!

Das idyllische Hohenschäftlarn (links) und das überfüllte München (rechts) sind nicht weit voneinander entfernt. Und doch ist das Leben an beiden Orten so unterschiedlich.

(Foto: F. Peljak/H. Pöstges, Montage SZ)

Nach 13 Jahren auf dem Land ist unser Autor wieder zurück nach München gezogen - und genießt dieses seltsam heimelige Gefühl, nur für sich verantwortlich zu sein.

Ja, das Leben auf dem Dorf kann sehr, sehr schön sein. Zum Beispiel, wenn eine Wasserschadenkatastrophe droht. Der Anruf kam zu ungünstiger Zeit, so gegen 16 Uhr. Der Nachbar war dran, also jener Nachbar, der wusste, dass man in der Stadt arbeitet, bei einer Zeitung, die zwar nicht die seine war, weil er eher der Konkurrenz verbunden ist, aber deren Namen er kannte und deren Telefonnummer er also ausfindig zu machen imstande war. Es gebe da gerade ein Wasserproblem an unserem Haus, einen möglicherweise markanteren Wasserschaden, ja. Aber wir sollten uns keinen Stress machen, man habe alles im Griff. "Es tropft nur noch ein bisschen."

Die sprichwörtliche Nachbarschaftshilfe, Synonym für eine funktionierende Dorfgemeinschaft, selten war sie so wertvoll wie damals. Ein Nachbar hatte im Vorbeigehen gesehen, wie Wasser unkontrolliert aus dem Hahn im Garten spritzt. Hat geläutet, keiner zu Hause. Hat beim anderen Nachbarn geläutet, der hat in der Gemeinde angerufen, die hat den Wasserbeauftragten geschickt, der hat die undichte Stelle, geplatzt nach dem extrem harten Winter, abgedichtet. Also: Machen Sie sich keinen Stress, wir haben alles im Griff.

Es ist diese Episode, die einem beim Abschied vom Dorfleben immer wieder einfällt. Diese Hilfsbereitschaft, dieses Zusammengehörigkeitsgefühl, diese Selbstverständlichkeit in der Not. Und trotzdem stand nach 13 Jahren Leben auf dem Dorf fest: Es geht wieder zurück. Zurück nach München. Es wurde irgendwie Zeit.

Dieses Zurück ist jetzt ziemlich genau ein Jahr her. Man denkt zwar noch immer an den Anruf des Nachbarn, damals im Spätwinter. Aber solche Gedanken werden überlagert von einem ganz anderen Gefühl, dem einer seltsam heimeligen Anonymität, dem Gefühl, eigentlich nur für sich verantwortlich zu sein, es sei denn, man möchte - ein ganz und gar freiwilliger Akt - diese Verantwortung erweitern, auf die Nachbarn mit dem Pudel im Parterre, auf den Mann mit der Klarinette im dritten Stock (man könnte ja mal was zusammen spielen) oder auf das so freundliche Architektenpaar im zweiten, das wohl am längsten in diesem Haus in Untersendling wohnt und noch weiß, wie es damals hier ausgeschaut hat, vor der Sanierung, der dann eine sehr dezente, der Umgebung angepasste Gentrifizierung folgte.

Feld, Wald, Wiesen - da ist die S 7 schon zu verkraften

Wieder in der Stadt - was hat dazu geführt? Anfang des neuen Jahrtausends ist man hinausgezogen nach Hohenschäftlarn, dessen Kirche in stolzem Wittelsbacher Gelb über Feld, Wald und Wiesen thront. Hat sich eingerichtet in den gut 100 Quadratmetern, auf der Terrasse mit Blick nach Süden, zumindest bis zu den großen Fichten im Süden. Hat sich eingestellt aufs Pendeln in die Stadt, hat die S 7 hassen gelernt, weil sie genau wusste, wann unsereiner darinnen saß und dann immer nur bis Höllriegelskreuth gefahren ist, und man hat die Garmischer Autobahn fast geliebt, zumindest am Vormittag, weil man einen Beruf hat, der es einem erlaubt, erst nach der Rushhour am Arbeitsplatz zu sein. Eine Zigarette bis zum Ortsschild München. Ein Klacks, oder?

Man hat sich damals aber auch damit abgefunden, dass man, ist man abends erst einmal zu Hause, auch zu Hause bleibt. Kino ist Kino, Konzert ist Konzert, Ausstellung ist Ausstellung, aber alles findet statt in der großen Stadt. Denn Dorf ist Dorf. Und wer nicht bei der Freiwilligen Feuerwehr oder zumindest beim Kolpingverein ist oder zumindest gern zum Schafkopfen in die Sportgaststätte geht, der einzigen dazu geeigneten hier, wer also nicht in die Kategorie "kontaktfreudig" gehört, der bleibt daheim. Kocht gern und manchmal gut, schaut fern und manchmal nicht, trinkt Edelvernatsch auf der Terrasse und manchmal zu viel. Und träumt von der Stadt, der großen, die so nah ist und doch so fern.

Was im Dorf fehlt, ist das Gefühl: Wenn ich nur wollte, könnte ich ...

Und jetzt? Ist alles ein bisschen anders. Man kocht immer noch viel und manchmal gut, man schaut nicht mehr so viel fern, und für den Edelvernatsch hat man jetzt einen Balkon vor dem kleinen Stück Fläche im Hinterhof, das als Garten zu bezeichnen ein wenig übertrieben wäre. Aber man liebt und liebt es immer mehr, dieses Gefühl: Ja, ich könnte, wenn ich wollte.

Ich könnte jetzt, sofort, ohne Vorwarnung, in die U-Bahn springen und zur Münchner Freiheit fahren, weil in der Lach & Schieß was läuft, was mich interessiert. Ja, ich könnte, wenn ich wollte, dann doch noch auf die Geburtstagsparty des Kollegen gehen, zwei Minuten zur U-Bahn plus Bus, plus 300 Meter zu Fuß, und ich dürfte dort sogar, wie man so sagt, "über den Durst" trinken, also mehr, als einem eventuell guttut. Nach Hause sind es ja nur 300 Meter zu Fuß, Bus, U-Bahn und dann zwei Minuten. Ja, ich könnte mit dem Hund eine kurze Runde um den Valley-Park drehen, oder eine mittellange am Isarkanal oder eine ganz lange rauf zum Hochufer. Meist reicht dem Hund dann der Valley-Park.

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Natürlich denkt man an das Dorf zurück (das sich offiziell Gemeinde nennt und aus drei weit auseinanderliegenden Teilen besteht). Zum Beispiel im Sommer, wenn das Thermometer die 35-Grad-Marke reißt und es auch in Untersendling nächtens nicht mehr abkühlt. Oder im Winter, wenn sich der Schnee, kaum gefallen, in graubraunen Matsch verwandelt, wogegen doch die Wiesen rund um die stolze Hohenschäftlarner Kirche in strahlendem Weiß glänzen. Aber dafür warten jetzt fußläufig gefühlt zehn Italiener, fünf Vietnamesen und ein bayerisches Wirtshaus darauf, dass man keine Lust zum Kochen hat.

Waren also die 13 Jahre auf dem Land verschenkte Zeit? Das nicht. Aber trotzdem bleibt der Eindruck haften, dass, wer als in der Stadt lebender und arbeitender Mensch irgendwann flieht in die dörfliche Idylle, sich diese etwas sperrig zeigt. Man ist und bleibt halt ein Städter, der zugezogen ist. Man hört deutlich die Schimpfworte, wenn sich ein benachbartes Ehepaar bei offenem Fenster bis aufs Messer streitet und grüßt tags darauf etwas verschämt, weil man allzu Intimes mitbekommen hat. In der Stadt wäre einem solches egal, ja, man würde es wohl gar nicht hören. Und wenn auf dem Dorf zum Straßenfest geladen wird, ist man natürlich willkommen, spürt aber, dass man bei den Unterhaltungen der wirklich Einheimischen nicht mitreden kann mangels Fachwissen über die Eigenarten der besprochenen Personen.

Im Haus zu Untersendling gibt es alljährlich ein Stockwerk übergreifendes Fest, nach welchem dann doch so etwas wie ein Nachbarschaftsgefühl bleibt. Ob dieses Gefühl reichen würde, eine Wasserschadenkatastrophe zu verhindern, wird sich nicht verifizieren lassen. Es gibt keinen Wasserhahn an der Außenmauer.

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