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Lange Nacht der Musik:Singen, schreien, tanzen

Mehr als hundert Spielorte: Die Münchner vergnügen sich bei Karaoke, Kopfhörer-Partys und klassischen Konzerten

Von Martin Bernstein

I hear her voice, in the morning hour she calls me", singen Anna und Lisa. Und würde man beherzigen, was Sandra wenige Minuten zuvor von derselben Bühne geschmettert hat, nämlich "Thinking Out Loud", also: würde man jetzt laut denken, während Anna und Lisa John Denvers "Country Roads" singen - dann könnte man zum Beispiel denken, dass ein Lied umso schöner ist, je mehr getroffene Töne es enthält. Und dass Sandra das doch so großartig vorgemacht und also einen Standard gesetzt hat, an dem andere sich orientieren könnten.

Dass man das nicht laut denkt, ist nicht nur eine Frage des guten Tons. Sondern dem Mut geschuldet, den Anna und Lisa und Sandra und all die anderen zeigen, die sich auf die Bühne im Café trauen. "Lange Nacht der Musik" ist nämlich, die ist immer, wenn es im Mai in München plötzlich wieder ganz besonders kalt und unfreundlich ist. Da hält dann an mehr als hundert Spielorten - Kirchen, Bars, Kultureinrichtungen - die Musik den Glauben an den Frühling aufrecht.

Dass die Kunsthalle in den Fünf Höfen ein Ort für die besonders Mutigen ist, ist kein Zufall. Denn in den Ausstellungssälen dort wird tagsüber die Welt der japanischen Ritter, der Samurai, präsentiert. Schwerter schwingende Recken auch an den Wänden des Cafés, Bilder eines heroischen Männerkults. Doch die Helden, die davor auftreten, sind überwiegend Heldinnen. Die einen mit ganz großer Stimme, wie Sarah ("Rolling in the deep"), die anderen... nun ja, Heldinnen auch sie. Das Publikum ist fachkundig genug, allen lauten Applaus zu spenden. Vor vollem Saal Lieder zu singen, deren Texte auf einem Computerbildschirm an einem vorbeirauschen - das ist nichts für Verzagte. Vor fast 50 Jahren wurde Karaoke erfunden, in Japan, wo es eine Art Volkssport ist.

Noch nicht so alt ist das Prinzip der "Silent Disco", der Kopfhörerparty. Auch die gibt es während der langen Musiknacht. Wobei das Ganze ja nicht eigentlich eine stille Veranstaltung ist. Bestenfalls für den unbeteiligten Zuschauer. Der sieht im ersten Stock des Stachus-Hugendubel fröhlich tanzende Menschen mit gelben Kopfhörern. Sie alle hören etwas, was er, der Betrachter, nicht hören kann: die Musik, die ihnen zwei Live-DJs direkt auf die Ohren geben. Und so können dann Menschen miteinander tanzen, die ganz unterschiedliche Beats auf dem Trommelfell haben, je nachdem, welchen der beiden Kanäle sie gewählt haben.

Manchmal hört freilich auch der Außenstehende etwas. Zum Beispiel, wenn die Begeisterung mit einem der Kopfhörertänzer durchgeht. "Ce-le-bra-tion ... whoo-hoo!", schreit ein Discobesucher zwischen Stapeln von Reiseführern völlig enthemmt. In einem ansonsten dezibelmäßig ziemlich heruntergedimmten Raum hat das gleich noch mal mehr Wumms als in der handelsüblichen Diskothek.

Ganz still ist es freilich auch sonst nicht. Was unter anderem daran liegt, dass manche Club-Besucher sich über ihre neuen Hörerlebnisse gleich an Ort und Stelle austauschen. Manche tun das, ohne die Kopfhörer abzunehmen. Und dann wird das Gespräch unter Zweien schnell zu einem lautstarken Diskurs. Gut, dass alle anderen ja auch Kopfhörer aufhaben.

Zwei junge Münchner haben sie für einen Moment abgenommen. Und beratschlagen, wohin sie als nächstes ziehen. Gasteig? "Da ist halt am meisten los", sagt einer. Auch das so ein Bild des Abends. Im Programmheft (die Minderheit) oder auf dem Handy (die Mehrheit) wird das nächste Ziel in dieser langen Musiknacht angepeilt: Der Akademische Gesangverein ("Nacht auf dem Kahlen Berge")? Die Anthroposophische Gesellschaft ("Mitternachts-Eurythmie")? Oder doch lieber Schlagzeug und Saxofone des bayerischen Polizeiorchesters im Innenministerium am Odeonsplatz? Die Kopfhörerdisco jedenfalls war schon mal eine interessante Erfahrung, finden die beiden versierten Musiknacht-Bummler. Wenngleich eine ungewohnte: "Der Bass im Bauch und unter den Füßen, der fehlt halt schon."

Dem enthemmten Discotänzer nicht, wie es aussieht. "Up-side-down", jubelt er, während er von einem gelben Kopfhörerpolster zum anderen selig lächelnd an den Bildbänden vorbei hüpft. Draußen, in der Fußgängerzone, ist es kalt und nass. Unter der Hirmer-Arkade steht ein Straßenmusiker. Auch er hat sein Publikum, obwohl er in keinem offiziellen Musiknacht-Programmheft zu finden ist. Niemand braucht ein buntes Leuchtband, um ihm zuhören zu dürfen. Er singt "Country Roads".

© SZ vom 06.05.2019
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